Arzneitherapie

Zwischen dem Menschen und der Natur bestehen wesentliche, für die Heilkunst bedeutsame Beziehungen. Wir kennen die herzwirksamen Heilpflanzen Digitalis oder Crataegus, die schmerzstillende Wirksamkeit des Mohns und der Weidenrindenextrakte („Aspirin“), die blutdrucksenkende Wirkung von Rauwolfia (Schlangenwurz) oder die vielfältigen Wirkungen tierischer Arzneimittel, wie z. B. Angiotensin Converting Enzymes/ACE-Hemmer, die aus  Schlangengiften isoliert werden. In der Anthroposophischen Medizin spielen nun weniger einzelne Wirkstoffe eine Rolle, sondern deren Komposition – sei es z. B. in einer Einzelpflanze wie der Mistel oder in einer Komposition aus Heilpflanzen –, aber auch Mineralien, Metalle und tierische Bestandteile wie der Biene oder Ameise. So wie sich auch die Wirksamkeit einer Symphonie nicht aus dem einzelnen Ton ergibt, sondern aus der Komposition des orchestralen Zusammenspieles der Musiker. In der Herstellung anthroposophischer Arzneimittel wird dem pharmazeutischen Prozess besondere Aufmerksamkeit gewidmet, der die verwendeten Substanzen für die Aufnahme und das Wirksamwerden im menschlichen Organismus vorbereitet. Meist wird in der anthroposophischen Arzneitherapie eine aktive, regulationsfördernde Reaktion des Organismus angestrebt, die durch das Arzneimittel ausgelöst wird. Seltener steht – wie z. B. bei der direkten tumoralen Mistelapplikation – der klassische Wirkstoffgedanke im Vordergrund.

Die Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin werden entsprechend den Verfahren der anthroposophischen Pharmazie aus dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich industriell und magistral hergestellt. Ihre Indikation ergibt sich aus dem jeweiligen Therapiebedarf des Patienten: Liegen z. B. allergisch-exsudative Erkrankungen vor, so wird ein begrenzendes und formendes Therapieprinzip gebraucht. Ein wichtiges Arzneimittel für allergische Erkrankungen und Pollinose besteht daher aus Citrus medica und Cydonia, Zitrone und Quitte, und hat eine dem Krankheitsprozess entgegengerichtete zusammenziehende und verfestigende Wirksamkeit, wie sie als Charakter beiden Früchten eigen ist. Studien aus der Grundlagen- und der klinischen Forschung weisen auf die Wirksamkeit dieses Arzneimittel (1, 2, 3). Besteht beispielsweise eine zu geringe Wesensgliederwirksamkeit im Verdauungstrakt – erkennbar an z. B. Appetitlosigkeit, Obstipation –, so können Bitterstoffe helfen. Für die therapeutische Wirksamkeit der Bitterstoffe liegen zahlreiche Studien vor, die die klinische Erfahrung bestätigen (4, 5). Ein Arzneimittel kann auch dadurch Heilungsprozesse fördern, indem es den Organismus von einer fehlgeleiteten Aktivität löst – sie gleichsam ersetzt – und damit Kräfte freisetzt, die den Wiedergewinn des inneren Gleichgewichts herbeiführen können.   

Die Arzneitherapie unterliegt einer beständigen Entwicklung. Klinische Erfahrungen werden im Vademecum Anthroposophische Arzneimittel publiziert, nachdem sie einem redaktionellen Evaluationsprozess unterzogen worden sind (siehe auch www.vademecum.org ). In einer wachsenden Anzahl klinischer Studien mit unterschiedlichen Designs wird die Wirksamkeit der Arzneitherapie evaluiert. Ein besonders wesentliches und weit bekanntes Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin ist Viscum album, die Misteltherapie in der Onkologie (siehe unter www.mistel-therapie.de ).


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