Heileurythmie / Eurythmietherapie

Heileurythmie/Eurythmietherapie ist eine Bewegungstherapie, die sich an den gesamten Menschen als lebendiges, seelisches und geistiges Wesen wendet. Sie ist aus der Beobachtung der im menschlichen Sprechen als Lautform wahrnehmbaren Bewegungsform entwickelt. Jeder Vokal und Konsonant hat eine ihm eigene Bewegungsgestalt: Was die Sprachorganisation (Kehlkopf, Atmung, Sprachwerkzeuge) beim Aussprechen an Gestaltungsdynamik, Sonation, Artikulation vollführt, wird in der Heileurythmie/Eurythmietherapie vom gesamten Bewegungsorganismus des Menschen in adäquater Weise aufgegriffen und mit der ganzen Gestalt sichtbar ausgeführt. Das heißt: Diese Bewegungen des Körpers sind eine metamorphosierte Umsetzung der funktionalen Sprach- bzw. Lautbewegung. Sie stehen im Zusammenhang mit physiologischen Vorgängen. Die Bewegung schafft somit einen Zusammenhang von äußerer Bewegung und den inneren, funktionalen Lebensvorgängen des Organismus. Der jedem Laut entsprechende Bewegungsablauf lässt sich für den organischen Bereich des Menschen spezifizieren und modifizieren. Seine Wirksamkeit setzt an der somatischen und funktionellen Ebene an und bezieht die emotionale, psychosoziale wie auch kognitive Ebene mit ein. Die Heileurythmie/Eurythmietherapie ist ein eigenständiges Therapieverfahren der Anthroposophischen Medizin.

Für die allgemeinen wie für die methodenspezifischen Maßnahmen bedarf es spezieller Qualifikationen. Diese werden jeweils im Rahmen einer anerkannten Ausbildung erworben.

Berufsspezifische Diagnostik

  • Spontaner Ersteindruck (ganzheitlicher, intuitiver Begegnungseindruck)
  • Bewegungsanalyse und Diagnostik

Anhand von Bewegungsaufgaben kann phänomenologisch ein Gesamteindruck erstellt werden, der durch einzelne Beobachtungskriterien und eine Systematik der Auswertung zu einer Bewegungsdiagnostik führt.

  • Phänomenologische Beobachtungsebenen für die heileurythmische/ eurythmietherapeutische Bewegung: physische Ebene, funktionale Ebene, psychische Ebene, intentionale Ebene.

Die Behandlung erfolgt auf ärztliche Verordnung. Der verordnende Arzt erhebt die allgemeine und krankheitsspezifische Anamnese, stellt die Primärdiagnose(n) gemäß der Anthroposophischen Medizin. Hierauf basiert die Indikation zur Heileurythmie/Eurythmietherapie. Ist der Arzt entsprechend qualifiziert, kann er konkrete Übungen vorschlagen. Therapieziel und Planung geschieht in der Regel in Absprache mit dem Therapeuten.

Wirkprinzipien

Heileurythmisten/Eurythmietherapeuten sind geschult, krankheitsspezifische Veränderungen im Bewegungsbild des Patienten und tiefer liegende Dispositionen zu Krankheiten zu erkennen und zu behandeln. Entsprechend der Vielfalt der Sprachlaute verfügt die Heileurythmie/Eurythmietherapie über ein großes Spektrum an Übungen, die vom Therapeuten in unterschiedlicher Abfolge und Kombination angewendet werden. Je nach Einsatz der Lautgebärden wirken die Maßnahmen der Heileurythmie/Eurythmietherapie entweder aufbauend und anregend oder beruhigend, lösend oder strukturierend. Durch die Veränderung der Bewegungsgewohnheiten des Patienten mittels der Lautgebärden können u. a. Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel gezielt beeinflusst werden. Damit kann eine nachhaltige Verbesserung der Organfunktionen sowie des körperlichen und seelischen Befindens erzielt werden. Ein wesentlicher Faktor im Gesundungsprozess ist, dass die Lautbewegungen von einem intensivierten Empfinden und Bewusstsein begleitet werden. Durch das Erlernen und selbständige Üben der Heileurythmie/Eurythmietherapie bekommt der Patient ein Bewusstsein vom Zusammenhang seiner Beschwerden mit seinem gesamten Befinden. Damit erweitert er seine Möglichkeiten, selbstregulierend in seinen Heilungsprozess einzugreifen.

Evaluation

Heileurythmisten/Eurythmietherapeuten beurteilen den Behandlungsverlauf durch:

  • Fortwährendes Überprüfen der von den Patienten selbständig geübten Bewegungsabläufe mit Hilfe der Bewegungsdiagnose.
  • Herstellen einer Korrespondenz zwischen heileurythmischer/eurythmietherapeutischer Behandlung und Krankheitsverlauf unter Einbezug von ärztlichen Befunden resp. Fremdbeurteilung durch Patient, Eltern, Betreuer, Pädagogen, Rücksprachen mit dem behandelnden Arzt.
  • Schriftliche Dokumentation und Evaluation im Rahmen von Einzelfallstudien oder Kohortenstudien.

Über Nutzen und Wirtschaftlichkeit liegen seit September 2004 verschiedene Outcome-Studien (AMOS/DE) vor (siehe ausgewählte Literatur).

Ausbildung

Die Ausbildung zum Heileurythmisten/Eurythmietherapeuten gründet auf einem abgeschlossenen Eurythmiestudium und beträgt in der Regel 1,5 Jahre. Weltweit bestehen zurzeit 7 von der Medizinischen Sektion am Goetheanum anerkannte Heileurythmie-/Eurythmietherapie-Ausbildungen . Darüber hinaus gibt es weltweit Ausbildungs-Initiativen.

Nationale und internationale Vernetzung

Das Berufsfeld Heileurythmie/Eurythmietherapie ist auf nationaler Ebene weltweit in 15 Berufsverbänden organisiert. Auf internationaler Ebene findet die Vernetzung der 40 Länder, in denen diese Therapieform angeboten wird, durch den Fachbereich Heileurythmie der Medizinischen Sektion am Goetheanum statt.

 

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