Angst I Palliativmedizin I Einführung

Angst hat viele Gesichter. Wir begegnen Patienten mit schreckgeweiteten Augen, seelischer Anspannung bis zur Verkrampfung. Angst kann mit einer depressiven Stimmungslage einhergehen und zur Mutlosigkeit führen. Viele Patienten empfinden einen Verlust der „Mitte“, andere erleben zusammen mit ihrer Angst eine belastende Atemnot. Schließlich kann die Angst zu seelischer, aber auch äußerlich wahrnehmbarer Unruhe führen. Das Spektrum der seelischen Begleiter der Angst beim palliativen Patienten reicht somit von der Erstarrung in der schreckvollen Angst über die angstbegleitete Atemnot bis zur Angst mit seelischer Unruhe und motorischem Bewegungsdrang. Damit stellt sich die seelisch erlebte Angst vor den Hintergrund der Dreigliederung des Organismus: Die Seele erwacht auf der Grundlage des Nerven-Sinnes-Systems in einem maximal angespannten Bewusstsein der schreckhaften Angst, sie erlebt Atemnot und auch eine Gefährdung der „Mitte“ im Rhythmischen System und schließlich angstbesetzte Unruhe bis zur motorischen Ruhelosigkeit durch die Dynamik des Stoffwechsel-Gliedmaßensystems. Copyright: Ernst Barlach Stiftung Güstrow, Fotoaufnahme: André Hamann

Leibliche, seelische und geistige Ursachen der Angst

Angst kann unterschiedliche somatische Ursachen haben. Auch die zugrundeliegende Erkrankung kann zur Angst disponieren: In vieler Hinsicht ist die innere Wirklichkeit der Krebserkrankung Angst. Patienten spüren angstvoll die leibliche Bedrohung, die „Gewalt“ der Krankheit mit ihrem progredienten Verlauf und belastenden Symptomen. Aber auch seelische Faktoren tragen zum Entstehen von Angst bei. Hier handelt es sich oftmals um Verlustängste vertrauten Menschen gegenüber, um ein „Getrennt-werden“ von dem vertrauten Lebensumkreis. Schließlich gibt es geistige Ursachen der Angst. Patienten haben Angst vor der Zukunft, die sie gedanklich erfassen oder innerlich erahnen. Alles nicht Begriffene und nicht Verstehbare kann zu Angst führen: Skelettale Schmerzen rufen angstbesetzte Gedanken im Sinne einer Metastasierung auf, während sie aufgrund der nachfolgenden Diagnostik möglicherweise als harmlos erkannt werden können. Das Unbekannte, das oftmals fehlinterpretiert wird, bereitet Angst, die auch eine sich selbst verstärkende Eigendynamik entwickeln kann, während die richtige Einordnung angstlösend wirkt. Darüber hinaus berichten zahlreiche Patienten über geistige Erfahrungen, die mit Angst einhergehen. Sie berichten von ungewohnten Bewusstseinserfahrungen, außerkörperlichen Erfahrungen (Out-of-body experiences) oder spirituellen Wesenserfahrungen, die sie manchmal nicht einordnen können und dadurch Angst entstehen lassen. Das Verlassen eines vertrauten Bereichs, der Unterstützung, Förderung und Hilfe schenkt, geht oftmals mit Angst einher. Mit dem „Verlassen“ der geistigen Welt und dem Erwachen im alltäglichen Bewusstsein entsteht eine Urangst, die mit dem Menschsein verbunden ist. Umgekehrt wird dadurch verständlich, warum die Nahtoderfahrungen eine angstlösende Wirksamkeit haben können.

Angstentwicklung an Bewusstseinsschwellen

Angst entsteht an Schwellen, wo ein gewohnter Bereich verlassen werden muss, ein fremder zu betreten ist und eine Bedrohung des eigenen Wesens erfahren wird. Viele Patienten erleben Angst vor dem Einschlafen, also einem Augenblick, wo das gewohnte Bewusstsein verlassen wird und der Übergang in die noch nicht bewusst erfahrene geistige Welt erfolgt. Angst vor dem Sich-selbst-Verlieren kann als bedrohliches Gefühl entstehen. Ähnliches gilt für die Angst vor dem Tod als großem Bruder des Schlafs. Insofern begleiten Angst und Furcht die Schwelle zur geistigen Welt. In der Weihnachtsgeschichte des Evangeliums wird entsprechend den Hirten das „Fürchtet Euch nicht!“ von den Engeln zugerufen. Sie bezeichnen bereits den Heilbedarf der Angst: Menschliche Begleitung und Hilfeleistung, die sich nicht „anstecken“ lassen darf von der sich manchmal auf der Station oder im Hospiz endemisch ausbreitenden Angst, ist die wesentliche Grundlage jeder multimodalen Therapie der Angst.

Wesensgliederwirksamkeit bei der Angst

Angst führt im physischen Körper zu unterschiedlichen Symptomen: Die aufgerissenen Augen, der angsterfüllte Gesichtsausdruck, Tachypnoe, ggf. mit Hypokapnie und Tachykardie, feuchte Hände und kühle Akren sind der leibliche Ausdruck des angstbesetzten Fühlens.

Auf der Ebene der Lebensorganisation geht Angst mit abbauenden Prozessen einher. Das angespannte Bewusstsein „verzehrt“ aufbauende Lebensprozesse. Insofern muss bei der Therapie der Angst nicht nur die seelische Ebene behandelt werden, sondern auch die geschwächte Lebensorganisation ihre therapeutische Unterstützung bekommen.

Die Empfindungsorganisation (astralische Organisation) ist der Träger des seelischen Angsterlebens. Orientiert sich die Empfindungsorganisation zum angespannten Wachen auf der Grundlage des Nerven-Sinnessystem, so entsteht ein waches, schreckhaftes Angsterleben. Entwickelt sie ihre Dynamik vom Stoffwechsel-Gliedmaßensystem aus, so kommt es zur unruhevollen Angst, oftmals mit motorischem Bewegungsdrang. Bei der schreckhaften Angst braucht der Patient Hülle und Wärme, um die einseitige Anspannung bei oftmals zentralisiertem Wärmeorganismus mit kühlen Akren lösen zu können. Bei der unruhevollen Angst muss die astralische Organisation wiederum in das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem gelenkt werden. Oftmals berichten die gehfähigen Patienten von einer Besserung durch körperliche Bewegung. Äußere Anwendungen im Bereich der Unterschenkel und Füße haben eine gleichsinnige Wirksamkeit und können zur Beruhigung und Besserung des Angsterlebens beitragen. Die Aktivierung der astralischen Organisation geht mit katabolen Stoffwechselprozessen (Sympathikotonie) einher. Sie muss aus ihrer einseitigen, zum Wachbewusstsein orientierten Wirksamkeit in die aufbauende Wirksamkeit geführt werden, die für den Schlaf charakteristisch ist. Arzneimittel wie Bryophyllum oder die äußere Anwendung von Lavendel haben nicht nur eine seelisch beruhigende und schlafanstoßende Wirksamkeit, sondern verstärken auch die aufbauende Nachtwirksamkeit der Wesensglieder.

Schließlich bezieht sich die Angst auf das Ich-Wesen des Menschen, das sich in seiner Existenz als bedroht erlebt und sogar Todesangst empfinden kann. Bei der schreckhaften Angst kommt es oftmals zu einer inneren Erstarrung, bei der unruhevollen Angst wird die Ich-Wirksamkeit von der seelischen Dynamik überwältigt, bei der existenziellen oder Todesangst steht das Erlebnis der unmittelbaren Bedrohung der Individualität im Vordergrund. Die Stärkung der Ich-Organisation erfolgt über die therapeutische Unterstützung der Wärmeorganisation. Diese kann durch die Äußeren Anwendungen erfolgen, durch pflegetherapeutische Maßnahmen (z. B. Fünfstern-Einreibung) aber auch durch Arzneimittel mit einem Bezug zur Wärme (z. B. Aurum). Darüber hinaus sind Heileurythmie, Musiktherapie, Gesprächstherapie und auch die Seelsorge von einer entscheidenden therapeutischen Bedeutung. Der an Angst leidende Patient braucht neben dieser professionellen Therapie eine menschliche Begleitung – eine Unterstützung, die ihn aus der mit der Angst einhergehenden Enge und Einsamkeit erlöst.

Individuelle Therapieentscheidung

Patienten wünschen sich eine schnelle Hilfe, die die Angst bessert. Sie wird aber nur dann wirksam und dem Patienten zu einer entscheidenden Hilfe, wenn seine Präferenzen und Werteeinstellungen im Sinne einer individuellen Therapiefindung einfließen. Geht es beispielsweise um eine Symptomkontrolle, die rasche Erleichterung bringen soll, oder wird eine Verstärkung der Selbstwirksamkeit im Umgang mit der Angst angestrebt? Patienten wünschen sich oftmals nicht die Beseitigung des Symptoms, sondern die Verwandlung und Überwindung der Angst sowie die Verstärkung ihrer Persönlichkeitskräfte, um der Angst besser begegnen zu können.

Angst kann begrenzt werden durch die anxiolytische Therapie. Hier bieten sich verschiedene Arzneimittel und therapeutische Verfahren an (siehe auch S3-Leitlinie Palliativmedizin). Sie kann aber auch verwandelt werden: körpertherapeutische Berührung (Rhythmische Massage), Äußere Anwendungen der Pflege, Arzneimittel (z. B. Bryophyllum) können die Angst vermindern und verwandeln. Aber auch innere Erfahrungen, spirituelle Perspektiven wirken entängstigend. So ist das Verschwinden der Angst vor dem Tod durch das Erleben, aber auch durch die Kenntnis der Nahtoderfahrungen ein oft beschriebenes Phänomen. Gesichtspunkte, die sich an die tiefen Fragen des Patienten anschließen und eine geistige Perspektive eröffnen, haben eine entängstigende Wirksamkeit. Angst braucht deshalb einen multimodalen Therapieansatz, der die leiblichen, seelischen und geistigen Ebenen einschließt.

Kasuistik

Eine etwa 50-jährige Patientin leidet an einem metastasierten kolorektalen Karzinom. Sie fällt durch eine große innere Kraft und eine positive Grundeinstellung auf und empfindet keine Angst. Welche Kräfte stehen ihr in der Auseinandersetzung mit der Krankheit und der Angst zur Verfügung und wie konnte sie diese entwickeln? In der Maltherapie gestaltet sie ein Bild mit einem zentralen Licht, das aus einer umgebenden Finsternis scheint. Auf die entsprechende Frage des Therapeuten berichtet sie von einer Nahtoderfahrung im Umkreis der vorausgegangenen Operation, die sie in diesem Bild aus der Maltherapie darstellt. Seit dieser Erfahrung besteht keine Angst vor dem Tod, die Maltherapie unterstützt die entwickelte Kraft in der Angstbewältigung.