Angst I Palliativmedizin I Psychotherapeutische Behandlung

Das Ziel der Psychotherapie besteht nicht im Erreichen von Angstfreiheit, sondern darin, Wege des Umgangs mit der Angst zu zeigen, damit der Patient sich in seiner Angst halten kann. Neben kurzfristig wirksamen Vermeidungs- und Kompensationsstrategien (z.B. Ablenkung, Singen/Pfeifen, Klopfen, Atem- und Körperübungen), deren Anwendung die Patienten selber schnell erlernen können, benötigen palliative Patienten haltgebende und wohlwollende menschliche Beziehungen, um die Auseinandersetzung mit der Erkrankung, ggf. dem Sterben, mit Leid und Tod führen zu können. Die „innere Befähigung“ ist auch in dieser Erkrankungsphase durch Selbstentwicklung und Selbstschulung, z. B. mit Hilfe der Psychotherapie, möglich. Palliativ erkrankte Patienten haben oftmals spirituelle Fragen nach dem Sinn der Erkrankung, nach Sterben und Tod und dem unzerstörbaren geistigen Wesen des Menschen. Diese werden allerdings erst dann gestellt, wenn ein entsprechender Resonanzraum im Gespräch entsteht. Eine wesentliche Thematik sind die Nahtoderfahrungen. Sie führen in immer wieder erstaunlicher Weise zur Überwindung der Angst vor dem Tod und zur Verwandlung seelischer Aussichtslosigkeit und Finsternis in Licht und neue Perspektive. Diese Erfahrungen werden von zahlreichen Menschen berichtet und gerade in der palliativen und hospizlichen Patientenbetreuung oftmals erlebt, allerdings nur mit Zurückhaltung berichtet. Bereits das Wissen um die inneren und spirituellen Erfahrungen kann entängstigend wirken. Insofern bekommt dieses Thema in der psychotherapeutischen Begleitung eine besondere Bedeutung.

Differenzialdiagnostisch muss die Somatisierung einer Depression erkannt werden. Ebenso gibt es Patienten, die traumatisiert auf die Diagnose und den Krankheitsverlauf reagieren und die Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung oder akuten traumatischen Reaktion erfüllen.

Das Therapie-Gespräch

In therapeutischen Gesprächen nehmen Angstthemen einen breiten Raum ein. Allein das Sprechen ermöglicht schon Entlastung und wirkt einem die Angst stabilisierenden Vermeidungsverhalten entgegen (1). Das Durchsprechen angstbesetzter Tabuthemen kann Patienten zu neuen Orientierungen auch im Sterben führen, mögliche Handlungsspielräume eröffnen und somit zu eigener aktiver Gestaltung dieser Lebenszeit motivieren. Für den Erhalt und ggf. die Wiedergewinnung von Würde am Lebensende (2) sind Fragen der Sinngebung und der spirituellen Orientierung wesentlich. Die Zusammenarbeit mit Kollegen der Spiritual Care ist hier unabdingbar.

Die Einbeziehung von begleitenden Angehörigen/Partnern/Freunden ist bei der Angstbewältigung unverzichtbar, da diese meist unmittelbar mitbetroffen sind und vorhandene Ängste verstärken oder mildern können.

Therapeutisches Vorgehen

Voraussetzung für eine Psychotherapie ist ein vertrauensvolles, tragfähiges Bündnis, damit der „Blick in den Abgrund“ und das Wandern entlang dieses Abgrunds gelingen kann. Die seelische Stabilität des Therapeuten bietet dem Patienten die Möglichkeit, sich zumindest vorübergehend innerlich an ihm festzuhalten (Hilfs-Ich-Funktion).

In einem ersten Schritt lernt der Patient, dass durch seine Denk- und Urteilskraft Ängste und die damit verbundene emotionale Erregung vermindert werden können. Dies geschieht z.B. in

  • gelenkten Entspannungs- und Imaginationsübungen .

Im weiteren erübt der Patient die eigene Denkkraft in der Wirkung auf das Seelenleben zu erstarken. Hierfür stehen eine Fülle von Übungen und unterschiedliche Meditationsformen zur Verfügung, die unter therapeutischer Anleitung erfahren und vom Patienten geduldig eingeübt werden können.

  • Das anthroposophische Schulungsprogramm von Harald Haas und Theodor Hundhammer (3) und
  • die Sechs Schritte zur Selbsterziehung von Rudolf Steiner (4), als auch
  • die Rückschau/der Tagesrückblick

sind wichtige Instrumente. Hier erübt der Pat. eine eigene Gedankenführung, die ihm die Erfahrung von Kontrolle über Gedanken und Gefühle ermöglicht.

Zu diesen Übungen können Sprüche und Meditationen hinzugenommen werden. Der Therapeut sollte sich mit ihrem Inhalt vertraut gemacht haben, um dem Patienten eine wirksame Hilfestellung geben zu können.

Bewährte Meditationen

Bei unruhevoller Angst erleben viele Patienten eine Hilfe durch die folgende Meditation. Der Therapeut sollte sich mit ihrem Inhalt bekannt machen und eine dem Patienten eine Hinführung geben:

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

Rudolf Steiner (5, S.179)

Bei ängstlicher Stimmungslage und Mutlosigkeit kann die folgende Meditation empfohlen werden:

Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entzünde das Mitleid
Dass Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Der geistigen Wiedergeburt.

Rudolf Steiner (6, S.73)

Wenn Angehörige eine helfende Hinwendung zum Patienten anstreben , so ist die folgende Meditation geeignet:

Geist Deiner Seele, wirkender Wächter,
Deine Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Sphärenmenschen
Dass mit Deiner Macht geeint
Unsere Bitte helfend strahle
Der Seele, die sie liebend sucht.

Rudolf Steiner (7)

Wenn Patienten in existenzieller Auseinandersetzung mit der Erkrankung stehen , so kann durch eine kurze Meditation Rudolf Steiners eine besondere Kraftquelle entstehen:

Du Geist meines Lebens, schützender Begleiter,
Sei Du in meinem Wollen die Herzensgüte,
Sei Du in meinem Fühlen die Menschenliebe,
Sei Du in meinem Denken das Wahrheitslicht.

Rudolf Steiner (8, S.190)

Diese Meditation ist überschrieben mit „In Todesgefahr“. Das Datum ihres Entstehens und auch der Adressat, der um sie gebeten hat, sind unbekannt. Diese Meditation wendet sich an den Engel des Menschen, der das Ich-Wesen trägt und leiten kann und Kraft im Denken, Fühlen und Wollen schenkt. Es können dann diejenigen Qualitäten entstehen und gefördert werden, die wir bei vielen Patienten in der Palliativmedizin bestaunen: Weisheitsvolle Sicht des Lebens als Wahrheitslicht im Denken, dass nicht mehr nur das Persönliche beleuchtet, sondern neue Perspektiven erkennt, Menschenliebe, die sich nicht mehr egozentrisch, sondern dem Umkreis zugewandt entwickelt und schließlich eine Herzensgüte, die fast wie eine zum Segnen befähigte Kraft in der Patientenbegleitung wahrgenommen werden kann. In diesen inneren Entwicklungen erscheint etwas Engelverwandtes als Frucht der Auseinandersetzung mit der Krankheit, das die Individualität in die Zukunft entweder in diesem oder einem späteren Schicksal tragen kann.

1 Quetz M. Gesichtspunkte anthroposophischer Psychosomatik und Psychotherapie in der Onkologie. Der Merkurstab 2009;62(4):398-405.

2 Chochinov HM et al. Dignity Therapy: A Novel. Psychotherapeutic Intervention for Patients. Near the End of Life. Journal of Clinical Oncology 2005; 23(24):5520–5525. [Crossref]

3 Haas H, Hundhammer T. Selbsterziehung und der achtgliedrige Pfad - ein Gruppenprogramm. In: Reiner J (Hg). In der Nacht sind wir zwei Menschen - Arbeitseinblicke in die anthroposophische Psychotherapie. Stuttgart: Freies Geistesleben; 2012.

4 Steiner R. Die Nebenübungen. Sechs Schritte zur Selbsterziehung. Base: Rudolf Steiner Verlag; 2015.

5 Steiner R. Mantrische Sprüche. Seelenübungen II. GA 268. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1999.

6 Steiner R. Mantrische Sprüche. Seelenübungen II. GA 268. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1999.

7 Steiner R. Der Tod – die andere Seite des Lebens. Wie helfen wir den Verstorbenen? Worte und Sprüche. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2000.

8 Steiner R. Mantrische Sprüche. Seelenübungen II. GA 268. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1999.