Angst I Palliativmedizin I Seelsorge

Unter allen Formen der Angst ist die vor dem Sterben und dem Tod exemplarisch und verdeutlicht ihre Ursachen: Es ist die Erfahrung, vor etwas Unbekanntem, Fremden zu stehen und sich davon überwältigt zu fühlen. Der Tod ist fremd und niemand kann mit Sicherheit wissen, wohin es dabei geht, wenn jeder Halt, der im Zusammenhang mit dem Körper auch im Schmerz noch gegeben ist, schwindet.

Wer in einer solchen Situation daneben steht und Beistand geben möchte, ist schon allein durch die Tatsache seines Daseins eine Hilfe. Allein gelassen zu werden, gehört ganz wesentlich zu den Hauptbefürchtungen.

Eine weitere Hilfe kann dadurch gegeben werden, die Tatsache, die bevorsteht, anerkennen zu beginnen. Alles, was zu einer Tatsache wird, birgt Sicherheit, selbst wenn sie unerwünscht kommt. Wer seinen eigenen Zustand bejaht, findet meistens den Boden unter den Füßen wieder. Es ist das Gegenteil vom Zweifel und weit mehr, als jemandem die Wahrheit vorzuenthalten oder ihn in falschen Hoffnungen zu bestärken. Der Seelsorger berührt mit dem Aussprechen einer solchen Wahrheit leicht die tiefere Schicht des Sterbenden, die er sowieso ahnt oder weiß und darin vielleicht eine ganz neue Sicherheit findet.

Dabei wird auch deutlich, dass ein großer Teil jener Gefühle, die sich auf Zukünftiges beziehen, die auf Vorstellungen beruhen, sich oft in dem Augenblick, der so sehr befürchtet wurde, auflösen. Man kann die Aufmerksamkeit dafür erwecken, dass niemand vorhersehen kann, ob es im Sterben überhaupt einen Anlass zur Angst geben wird. Oft erweist sich bei der liebevollen Begleitung eines solchen Geschehens das Gegenteil.

Ein weiteres wäre, wenn es gelingt, Mut und Vertrauen darauf zu stärken, sich dem Sterbevorgang hinzugeben. Das weitet die Seele in ihren Umkreis hinein, während Angst alles verkrampft und in die Enge führt. Das biblische Wort dafür heißt „Amen“, es möge geschehen, was richtig ist. Dazu hilft natürlich jede Art von Glaube; der christliche vor allem, der sich auf das Weiterleben nach dem Tod bezieht.

Falls die Bewusstseinsverhältnisse es zulassen, wäre es in vorbereitenden Gesprächen mit dem Kranken wichtig, mit ihm gemeinsam nach einem Sinn zu suchen, den sein Sterben haben wird, auch wenn dieser zunächst im Verborgenen liegt. Das erzeugt Frieden. Jede Art von Sinnstiftung kann ein Instrument des Friedens werden, als wirksames Hilfsmittel gegen die Angst.

Ich gebe einem noch bewussten Sterbenden gerne drei Fragen zum Nachdenken, zur Beantwortung an sich selbst:

Wer war mir der wichtigste Mensch?
Welches war das wichtigste Ereignis in meinem Leben?
Was habe ich nicht geschafft?

Manchmal ist es sogar möglich, zur letzten Frage noch Lösendes zu finden und dazu zu helfen, es noch nachzutragen. Das ist eine sehr starke Entängstigung, vor allem auf dem Gebiet der Vergebung.