Der Verdauungsvorgang

Während des Verdauungsvorgangs wird die Nahrungssubstanz zunehmend ihrer ursprünglichen Form und Lebendigkeit beraubt. Sie wird bis in ihre kleinsten Bestandteile zerlegt, um dann jenseits der Darmwand zu individualisierter körpereigener Substanz wiederaufgebaut und in die Lebensprozesse des Organismus integriert zu werden:

In der Mundhöhle wird das Essen in seinen besonderen Geschmacksqualitäten bewusst wahrgenommen, was unmittelbar zu einer vermehrten Speichelsekretion („Appetitsaft“) führt. Die dadurch eingeleiteten ersten Verdauungsschritte – z. B. die Spaltung von Kohlehydraten durch Amylase – sind noch eng mit dem bewussten Geschmacks- und Geruchserleben verknüpft.

Bereits im Magen geschieht die weitere Verdauung für den Menschen weitgehend unbewusst. Doch auch hier ist jeder Verdauungsschritt mit einem inneren Wahrnehmungsvorgang verbunden. Alle Verdauungssekrete werden fein abgestimmt bezüglich Menge und Zusammensetzung der jeweiligen Mahlzeit gebildet.

Das Geistig-Seelische des Menschen, das durch die im Kopfbereich konzentrierten Sinnesorgane sich vollbewusst der Außenwelt zuwendet, ist im Bereich der Verdauungsorgane ganz nach innen orientiert und orchestriert die vielfältigen, mit der Nahrungsverarbeitung verbundenen Wahrnehmungs-, Sekretions- und Resorptionsprozesse. Je besser die Tätigkeit der Verdauungsorgane aufeinander abgestimmt ist, das heißt, je aktiver in dieser unbewussten Sphäre Ich-Organisation und Empfindungsorganisation (Astralleib) sich betätigen, desto leichter kann die Nahrung aufgenommen und verwandelt werden. Ausdruck dieser Abstimmung sind beispielsweise die zahlreichen Zytokine im Bereich des Verdauungssystems, wie Cholezystokinin und Ghrelin.

Gestörte Verankerung von Empfindungsorganisation und Ich-Organisation im Stoffwechsel

Inappetenz, Übelkeit und Erbrechen treten auf, wenn das unbewusste Eintauchen von Ich-Organisation und Empfindungsorganisation (Astralleib) in die Verdauungsorganisation gestört ist. Dadurch kommt es zu einem pathologischen „Erwachen” in diesem Bereich, mit aus dem Innern aufsteigenden, unangenehmen und belastenden Wahrnehmungen, wie z. B. anhaltender Übelkeit. Dies ist im Verlauf einer Tumorerkrankung, bzw. durch deren Behandlung mit Strahlen- und/oder Chemotherapie, häufig der Fall (1, 2).

Die fehlende „Verankerung“ von Ich-Organisation und Astralleib im Stoffwechsel – folglich im Körper überhaupt – kann unterschiedliche Ursachen haben und sich graduell unterscheiden. Die Symptome reichen von leichter Inappetenz bis hin zu starkem Brechreiz. Bei ausgeprägter Übelkeit kann es durch die ganz im Vordergrund stehende pathologische Innenwahrnehmung zum Verlust eines adäquaten Bezugs zur äußeren Umgebung kommen, bis hin zum Verlust des Raumgefühls. Dies ist mit einer Seekrankheit vergleichbar, die nicht äußerlich durch hohen Wellengang, sondern innerlich verursacht ist. Eine Stärkung des Raumgefühls durch einfühlsame Anregung der Sinnesorgane kann den fehlenden Umgebungsbezug wiederherstellen und dadurch Übelkeit lindern. Hier setzen die nicht medikamentösen Therapieverfahren wie Eurythmietherapie, Plastizieren, Maltherapie und andere an.

Leibliche, seelische, geistige Ursachen und therapeutische Ansätze

Der Patient empfindet zunächst Appetitlosigkeit und Abneigung gegen Essen (Inappetenz), die sich bis zur Übelkeit steigern kann. Das Innere „erwacht“ nach außen und kann im Extremfall zu Bewegungsumkehr der Peristaltik mit Erbrechen führen.

Mechanische Ursachen müssen erkannt und ggf. beseitigt werden.

Eine Magenausgangsstenose oder (Sub)Ileus-Situation durch tumorbedingte Obstruktion oder ausgeprägte Obstipation als physische Ursache müssen immer ausgeschlossen bzw. entsprechend behandelt werden.

Geschwächte Lebensorganisation (Ätherleib) stärken.

Eine funktionierende Verdauung mit der Fähigkeit zur Umwandlung der Nahrungssubstanz setzt eine kräftige Lebensorganisation voraus, die wiederum Grundlage des „inneren Appetits“ ist. So geht eine Tumorkachexie als Ausdruck eines geschwächten Ätherleibs fast immer mit Inappetenz und latenter Übelkeit einher.

Die Leber als zentrales Wahrnehmungs- und Syntheseorgan des Stoffwechsels ist besonders eng mit allen Lebensprozessen des Organismus verbunden. Ist deren Tätigkeit bei einer ausgedehnten Lebermetastasierung geschwächt, sind häufig Inappetenz und Übelkeit die Folge.

Sinnesüberempfindlichkeit, Schmerzen, Ängste: die Empfindungsorganisation stabilisieren und wieder in den Stoffwechsel hineinführen.

Wie eingangs dargestellt, sind alle Wahrnehmungs-, Sekretions- und Bewegungsphänomene im Verdauungstrakt mit der körperbezogenen, unbewussten Tätigkeit des astralischen Leibes verbunden. Im bewussten Seelenleben bildet der Astralleib hingegen die Grundlage für Gefühle und Emotionen. Beides ist eng miteinander verbunden, wie der Zusammenhang einer Ulkus-Erkrankung mit psychischem Stress o. ä. beispielhaft zeigt. So kann ein Gefühl der Übelkeit neben körperlichen Ursachen, wie bei einer Opiatbehandlung, auch stark von der Art der Auseinandersetzung mit dem Krankheitsgeschehen beeinflusst werden.

Verändertes Geruchs- und Geschmacksempfinden: Zieht sich der Astralleib aus der Tätigkeit im Verdauungssystem zurück und wendet sich wahrnehmend nach außen, so kann sich dies als Geruchsüberempfindlichkeit äußern – allein der Geruch von Essen verursacht dann schon Übelkeit. Andererseits besteht bei 20 – 50 % der Patienten krankheits- oder therapiebedingt ein vermindertes, verändertes oder fehlendes Geschmacksempfinden, was Appetitlosigkeit zur Folge hat.

Schmerzen: Schmerzen wirken ebenfalls appetitmindernd. Auch hier „erwacht“ der Astralleib in pathologischer Weise aus seiner organischen Betätigung zum Bewusstsein. Durch die verkrampfende, festhaltende Geste wirkt er zugleich abbauend auf die meist ohnehin geschwächte ätherische Organisation. Eine in dieser Situation oft indizierte Behandlung mit opiathaltigen Schmerzmitteln kann dieses zu starke Eingreifen zwar lösen, verhindert jedoch die physiologische Tätigkeit des Astralleibs im Verdauungstrakt: zu Beginn einer Opiattherapie kommt es häufig zu quälender Übelkeit, die sich nach meist plötzlich auftretendem Erbrechen bessern kann. Durch Gabe von Zitronensaft – Säure zieht den Astralleib in die Verdauungsorganisation hinein – lässt sich diese Form der Übelkeit lindern. Im weiteren Verlauf der Behandlung steht eine fast immer auftretende persistierende Neigung zu Obstipation im Vordergrund, bedingt durch eine Verzögerung der Darmpassage sowie Verminderung der intestinalen, biliären und pankreatischen Sekretion. Auch dies kann Inappetenz und Übelkeit zur Folge haben.

Chemotherapie: Viele Chemotherapien verursachen Übelkeit, entweder unmittelbar oder auch verzögert mit bis zu einer Woche Dauer (z. B. bei Cisplatin). Die damit verbundene seelische Belastung kann sich schon vor der Chemotherapie in Form einer antizipatorischen Übelkeit äußern.

Ängste, seelische Belastungen: Durch eine erdrückende Fülle neuer Eindrücke, Informationen und veränderter Lebensumstände bei Diagnose oder im Verlauf einer Tumorerkrankung können Übelkeit und Erbrechen ausgelöst werden. Auch Ängste, bis hin zu Todesangst, ziehen die Tätigkeit des Astralleibs ab und können Übelkeit induzieren oder verstärken.

Wärmeprozesse und Lebensperspektive – die Bedeutung der Ich-Organisation.

Die Ich-Organisation ist am vollständigen Abbau des Fremden in der Nahrung (Pankreasenzyme) und dem Wiederaufbau individueller Leibessubstanz maßgeblich beteiligt. Sie ist mit allen Wärmeprozessen während der Verdauung verbunden und ihre Aktivität wird durchwärmende Substanzen als innerliche Gabe oder äußere Anwendung – z. B. durch Ingwerwickel – auf den Plan gerufen.

Am menschlichen Bewusstsein ist die Ich-Organisation beteiligt, in dem sie zutiefst mit dem Lebenswillen und den individuellen Lebenszielen zu tun hat. Der „Appetit auf das Leben“ kann bei Krebspatienten in einer vital bedrohlichen Situation stark beeinträchtigt sein und sich bis auf den physischen Appetit auswirken. Hier ist die psychoonkologische Begleitung mit Erarbeitung einer neuen Lebensperspektive von entscheidender Bedeutung.

Kasuistik

Eine 62-jährige Patientin leidet an einem inoperablen Sarkom, ist aber noch in einem sehr guten Allgemeinzustand. Von den Chirurgen wird ihr mitgeteilt, man könne nichts mehr für sie tun, eine Chemotherapie kommt nicht in Frage. Wegen Schmerzen wird der an sich noch rüstigen Patientin auf einer Palliativstation eine Schmerzpumpe mit Opiaten, Neuroleptika und Kortikosteroiden verordnet, womit sie auch nach Hause entlassen wird. Hierunter fühlt sie sich sediert und allgemein stark eingeschränkt, außerdem leidet sie unter einer starken und anhaltenden Übelkeit. Daraufhin wird sie stationär auf eine andere Palliativstation aufgenommen, um die Schmerzpumpe wieder auf eine orale Medikation umzustellen, was auch gelingt. Nur die Übelkeit, für die sich keine organische Ursache findet, ist quälend und lässt sich auch durch die stärksten Antiemetika nicht lindern. Die Patientin ist sichtlich verzweifelt und unzufrieden, das Stationsteam gestresst und ratlos. Schließlich werden in einem Visitengespräch die Prognose und ihre allgemeine Perspektive thematisiert. Ärztlicherseits wird betont, dass die Krankheit zwar unheilbar sei, der Allgemeinzustand aber noch gut und der Tumor in der letzten Zeit eher stabil. Statt zu Hause auf das Sterben zu warten, könne sie doch auch ihr Leben planen, sich mit Freunden treffen und verreisen, alles ihr Wichtige tun – die Endphase sei jedenfalls noch lange nicht gekommen. Die Patientin wirkt wie erlöst, trifft sich noch am selben Nachmittag mit Freundinnen in der Cafeteria zum Kuchenessen und kann alsbald ohne jede Übelkeit nach Hause entlassen werden.

1 Debus M. Medikamentöse Begleitbehandlung bei onkologischen Erkrankungen. Der Merkurstab 2009;62(4):320-325.

2 Girke M. Innere Medizin. Grundlagen und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin. 2. Aufl. Berlin: Salumed Verlag; 2012.