Anthroposophische Pflege

Pflege hat eine kulturelle Bedeutung, die weit über die Krankenpflege hinausgeht. Letztlich bewahrt Pflege das vom Menschen Geschaffene vor dem Zerfall, vor dem Herabsinken in einen bloßen Naturzustand. Die Sorge für die Umwelt und für soziale Verhältnisse sind ebenso Gegenstand des Pflegens wie die individuelle, geistige, seelische und körperliche Entwicklung des Menschen. Pflegen ist offensichtlich nicht auf eine bestimmte Profession oder Tätigkeit festgelegt (1).

Pflege unterstützt gesunde und kranke Menschen darin, körperliche, seelische, geistige und soziale Bedürfnisse und Bedarfe zu befriedigen, wie sie es täten, wenn sie selbst dazu in der Lage wären. Sie tut dies mit dem Ziel, dass der von externer Pflege Abhängige die größtmögliche Selbstständigkeit (wieder)erlangen kann (2). Professionelle Pflege nutzt das berufliche Fachwissen, um Pflegebedarfe zu identifizieren und zu prognostizieren. Pflegemaßnahmen werden dabei im Hinblick auf körperliche, seelische, soziale und geistige Wirkungen und Wechselwirkungen eingesetzt und an die individuelle Situation des Bedürftigen angepasst. Professionelle Pflege arbeitet evidenzbasiert, wobei der Präferenz des Pflegebedürftigen bei Auswahl und Gestaltung der Pflegemaßnahmen ein besonderes Gewicht beigemessen wird.

(Gesundheits- und Kranken-)Pflege verleiht der Therapie Dauer. Das heißt, therapeutische Interventionen werden durch Pflege so in den konkreten Alltag des Patienten integriert, dass sie nachhaltig wirksam werden können. Dies schließt die Durchführung medizinischer Verordnungen ebenso ein wie die Integration von Strategien der Selbstpflege, die Verbindung mit anderen Therapien und die Berücksichtigung von sozialen, geistigen, seelischen und körperlichen Gegebenheiten und Entwicklungen beim Patienten oder Empfänger von Pflege.

Krankheit oder Behinderung sind Möglichkeiten der menschlichen Existenz. Pflege ermöglicht es, sie in Würde zu leben. Krankheit, Alter, Leiden sind in diesem Sinn nicht per se zu verhindernde oder zu vermeidende Ereignisse, sondern Konstellationen der menschlichen Biographie, in denen der Leidende ebenso Würde und Menschlichkeit erleben kann wie ein Gesunder. Wesentliche Voraussetzung hierfür sind Verhältnisse, in denen wertschätzende, liebevolle Begegnungen von Mensch zu Mensch möglich sind. Hierzu tragen die strukturellen Bedingungen eines Gesundheits- und Sozialwesens wesentlich bei. Sie sind deshalb auch Gegenstand der pflegerischen Verantwortung.

Kultur und Medizin unserer Zeit sind sich dieser Definition von Pflege nur wenig bewusst. Deshalb wird ihre Notwendigkeit in der Versorgung von Pflegebedürftigen und von Pflegebedürftigem zwar geschätzt und ihr emotionaler Einsatz gewürdigt, ein spezifischer und relevanter Beitrag für körperliche und seelische oder soziale Heilung (Frieden) wird im Pflegen jedoch kaum wahrgenommen. Für die pflegerische Heilungs- und Friedenspotenz will Anthroposophie Bewusstsein und Verständnis schaffen. Anthroposophische Pflege steht damit an der Seite der durch Rudolf Steiner inspirierten Reformbewegungen für Pädagogik, Landwirtschaft, Ernährung, Ökonomie, Sozialwissenschaft, Kunst, Religion und im Besonderen der Medizin. Ihre spezifischen therapeutischen Instrumente sind Wickel und Auflagen sowie Rhythmische Einreibungen. Sie gestaltet pflegerische Prozesse vor dem konzeptuellen Hintergrund der Anthroposophischen Medizin und wirkt durch geübte pflegerische Haltungen auf das energetische Feld, das den Pflegebedürftigen umgibt.

Berufsspezifische Diagnostik

Innerhalb des Pflegeprozesses nehmen die pflegerische Anamnese sowie die Wahrnehmung des Pflegebedürftigen in seinem sozialen, räumlichen und zeitlichen Umfeld eine zentrale Stellung ein.

Der Ersteindruck ergibt ein wichtiges, oft eindrucksvolles, aber noch nicht mit den Befunden abgeglichenes Bild des Pflegebedürftigen. Die Sichtung der medizinischen, seelischen und sozialen Befunde und die aus ihnen resultierenden Verordnungen an die Pflege sowie die geplanten medizinischen Maßnahmen bilden das Fundament für die weitergehende pflegerische Untersuchung. Pflegerische leibliche, seelische und soziale Unterstützungsbedarfe und -bedürfnisse werden erfasst

Die Feinabstimmung pflegerischer Maßnahmen, die Koordination und Vermittlung von Behandlungs- und Pflegeprozessen sowie die begründete Bildung pflegerischer Haltungen erfolgen nach Einsicht in das Verhältnis von auflösenden und verhärtenden Prozessen und ihrem rhythmischen Ausgleich (Dreigliederung) sowie in das Verhältnis des Organismus zu einer Umwelt in Schwere und Leichte, Fließen und Stase, Verdichtung und Auflösung sowie Wärme und Kälte.

Bei Patienten mit kognitiven Einschränkungen bewährt sich darüber hinaus eine Abklärung von Ressourcen und Bedarfen auf dem Gebiet der Sinne.

Das Auffinden einer begründeten inneren Haltung gelingt im empathischen Einleben in das Befinden des Pflegebedürftigen, ohne sich in dessen Einseitigkeiten oder dessen Ohnmacht zu verlieren.

Die pflegerische Diagnostik hat immer das Lebensalter, den körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklungsstand und das soziale Umfeld zu berücksichtigen.

Therapeutischer Ansatz

Pflege bereitet den Boden für Therapie – beteiligt sich an der Therapie und verstetigt den Therapieerfolg. Sie ist damit am Heilungsvorgang umfassend beteiligt. Sie tut dies durch pflegetherapeutische Interventionen, durch Prozessgestaltung und durch innere Haltungen.

Äußere Anwendungen sind spezifische Interventionen der Anthroposophischen Pflege. Sie kommen bei der Regulation aller Lebensprozesse wie Atmung, Temperaturregulation, Ernährung und Ausscheidungen zum Einsatz. Auch ein erholsamer Schlaf oder die Wundheilung können durch äußere Anwendungen unterstützt werden. Die Prävention von krankheitsbedingten Folgeschäden ist ebenso ihr Einsatzgebiet wie auch die Unterstützung eines gesunden Lebensstils durch die Pflege des Rhythmus von Bewegung und Ruhe oder von Arbeit und Pausen.

Durch die umfassende Koordination der verschiedenen Lebensbereiche des Pflegebedürftigen wird Pflege in den Mittelpunkt der Prozessverantwortung im Krankenhaus, im Altenheim und in der Häuslichkeit gestellt. Im Besonderen die Organisation von Behandlungsprozessen auf der Endstrecke zum Patienten obliegt zumeist der Pflege. Ihre therapeutischen Ansätze umfassen dabei Fürsprache, Kommunikation, Koordination und Konfliktmanagement.

Größte Wirksamkeit erhält Pflege durch die innere Haltung, die Pflegende in ihrer Arbeit erzeugen. Durch diese Haltung wird eine Tätigkeit zart oder derb, freundlich oder abweisend, leicht oder schwer, herzlich oder distanziert. Dies prägt die Atmosphäre, in welcher der Pflegebedürftige genesen und sich entwickeln kann. Das Bewusstsein von der Wirkung innerer Haltungen und ihre gezielte Ausbildung machen sie zu einem weiteren therapeutischen Faktum. Das Konzept der Pflegerischen Gesten stellt diese inneren Haltungen in einen therapeutischen Kontext (3).

 

Wirkprinzip

Pflege ist wirksam, indem sie

  • für den Bedürftigen Pflegehandlungen ausführt, die er selbst ausführen würde, wenn er hierzu in der Lage wäre (Substitution),
  • die Lebensprozesse (Atmung, Wärmeregulation, Ernährung, Ausscheidung etc.) reguliert,
  • Sicherheit, Vertrauen, Mut, Selbstvertrauen etc. durch Zuwendung, Gespräch und Berührung ermöglicht,
  • Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit, Gestaltungskraft, Erfahrung und Reifung innerhalb eines biographischen Entwicklungsprozesses in Freiheit intendiert.

Analog hierzu wirken äußere Anwendungen

  • mit ihrem Wirkstoff über die Haut auf physiologische Prozesse,
  • durch Wärme-Kälte-Feuchtigkeit auf die Selbstregulation des Körpers,
  • durch die Gestaltung des Anwendungsumfeldes auf das Gemüt,
  • durch erlernte Selbstfürsorge oder erlebte Aufmerksamkeit auf die biographische Entwicklung.

Forschung

Pflegewissenschaftliche Forschung findet seit Ende des 19. Jahrhunderts besonders im angelsächsischen Raum statt. In Deutschland wurde ein Lehrstuhl für Pflegewissenschaft erst in den 1980er Jahren eingerichtet. Anthroposophische Pflege ist weltweit nur marginal akademisch-wissenschaftlich entwickelt. Es liegen einige Studien zur Wirksamkeit Äußerer Anwendungen im Kontext der Anthroposophischen Medizin vor. Besonders erwähnenswert sind die Arbeiten über Ingwer-Anwendungen von Dr. Tessa Therkleson (4). Im „Vademecum Äußere Anwendungen“ werden Erfahrungsberichte über Wickel, Bäder, Waschungen und Einreibungen von einer Redaktionsgruppe gesichtet und auf einer Website veröffentlicht (5). Untersuchungen zu Settings und Prozessen der Anthroposophischen Pflege im Hinblick auf Symptomlinderung und Patientenzufriedenheit finden sich in Arbeiten, die an der Vidarklinik in Schweden durchgeführt wurden (6). Studien zur Anthroposophischen Pflege im Hinblick auf leibphänomenologisch erklärbare Wirkungen der Pflege hat Mathias Bertram vorgelegt (7).

1 Heine R (Hg). Pflege als Übungsweg. Anthroposophische Pflegepraxis. Berlin: Salumed Verlag; 2017.

2 Henderson V. Basic Principles of Nursing Care. American Nurses Association 1997.

3 Heine R (Hg). Das Konzept der Pflegerischen Gesten. Anthroposophische Pflegepraxis. Berlin: Salumed Verlag; 2017.

4 Therkleson T. Ginger compress therapy for adults with osteoarthritis. Journal of Advanced Nursing 2010;66(10):2225-2233.

5 www.pflege-vademecum.de, abgerufen am 12.7.2017.

6 Arman M, Rehnsfeldt A, Wode K. Anthroposophic health care – Different and home-like. Scandinavian Journal of Caring Sciences 2008;22(3):357-366.

7 Bertram M, Kolbe HJ. Entwurf eines ökologischen Modells therapeutischer Prozesse. Dimensionen therapeutischer Prozesse in der Integrativen Medizin. Wiesbaden: Springer Fachmedien; 2016: 1-28.