Grundlagen der Mistelapplikation

Einleitung einer subkutanen Misteltherapie

Die subkutane Misteltherapie ist das Standardverfahren, mit dem die häufigsten Erfahrungen in der Behandlung onkologischer Patienten bestehen. Es ist in dieser Form beim deutschen Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zugelassen und liegt den meisten klinischen Studien zugrunde. Im Folgenden werden die wichtigsten praktischen Gesichtspunkte hierzu dargestellt, so dass Sie auch bei wenig Vorerfahrung eine Misteltherapie bei Ihren Tumorpatienten sicher ambulant einleiten können.

Es gibt vielfältige andere Applikationsweisen der Misteltherapie  – intraläsional, intrakavitär, intravenös, hochdosiert mit Fieberinduktion  –, die im Vademecum Anthroposophische Arzneimittel (1) ausführlich beschrieben werden und, als Off-label-Anwendungen, die therapeutischen Möglichkeiten erheblich erweitern. Auf sie kann in dieser einführenden Darstellung nicht näher eingegangen werden.

Indikationen

  • In allen Tumorstadien (adjuvante und palliative Situation),
  • perioperativ,
  • während und nach Strahlen- und/oder Chemo-/Antikörpertherapie,
  • Tumorfatigue.

Injektionsort

Die subkutane Injektion sollte, sofern möglich, tumornah durchgeführt werden, z. B. in die Bauchhaut bei abdominellen Tumoren.
Beachte: Das Ausmaß der Lokalreaktion (s. u.) kann bei gleicher Dosierung an unterschiedlichen Injektionsorten unterschiedlich ausgeprägt sein.
Cave: Bestrahlte Regionen sind grundsätzlich zu meiden.
Bei präoperativer Applikation sollten wegen möglicher Lokalreaktionen 1 – 2 Wochen vor Operation keine Mistelinjektionen mehr im zukünftigen Operationsgebiet (z. B. Bauchhaut) erfolgen.

Einstiegsdosierungen mit Präparaten verschiedener Hersteller

  • abnobaVISCUM®
    Verfügbare Dosierungen: Stärken 0,02 mg, 0,2 mg, 2 mg, 20 mg sowie Potenzstufen D6, D10, D20, D30.
    Beginn mit abnobaVISCUM® 0,2 mg (bei sensibler Konstitution auch 0,02 mg) 3 x/Wo. 1 Amp. s. c.
    Im Verlauf steigern, indem 0,2 mg (0,02 mg) 1 – 2 x/Wo. beibehalten werden und 1 x/Wo. 2 mg (0,2 mg) dazu genommen wird. Anschließend wird entsprechend auf 2 mg 1 – 2 x/Wo. und 20 mg 1 x/Wo. gesteigert.

  • Helixor®
    Verfügbare Dosierungen: Stärken 0,01 mg, 0,1 mg, 1 mg, 5 mg, 10 mg, 20 mg, 30 mg, 50 mg, 100 mg.
    Beginn mit Helixor® Serie 1 (1 – 10 mg), 3 x/Wo. 1 Amp. s. c., bei guter Verträglichkeit gefolgt von Serie 2 (1 – 20 mg), bei guter Verträglichkeit gefolgt von Serie 4 (20 – 50 mg).

  • Iscador®
    Verfügbare Dosierungen: Stärken 0,0001 mg, 0,001 mg, 0,01 mg, 0,1 mg, 1 mg, 10 mg, 20 mg.
    Beginn mit Iscador® Serie 0 (0,01 – 1 mg), 3 x/Wo. 1 Amp. s. c., bei guter Verträglichkeit gefolgt von Serie I (0,1 – 10 mg), bei guter Verträglichkeit gefolgt von Serie II (1 – 20 mg).
    Alternativ: Beginn mit Iscador® Serie 0 jeden 2. Tag für 2 Wochen, dann eine Woche Pause, bei guter Verträglichkeit gefolgt von Serie I und II in gleicher Weise.

    Iscucin®
    Verfügbare Dosierungen: Stärken A, B, C, D, E, F, G, H.
    Beginn mit Iscucin® Serie I (Stärke A – D), 3 x/Wo. 1 Amp. s. c., anschließend Serie II (Stärke D – G) 3 x/Wo., bis die gewünschte Reaktion erreicht ist.
    Anmerkung: Nach Durchlaufen der beiden Serien wird häufig 1 – 2 x/Wo. mit einer potenzierten Mistel (Stärke A – C) in Kombination mit einer stofflich betonten Dosis (Stärke E – H) 1 x/Wo. behandelt.

Welche Steuerungsparameter haben sich für die Misteltherapie bewährt?

1. Lokalreaktion

Abb. 1: Erwünschte Lokalreaktion nach Mistelapplikation. © Foto: Michael Siffrin

Abb. 2: Übermäßige Lokalreaktion nach Mistelapplikation. © Foto: Michael Siffrin

Ein guter Orientierungspunkt für das Tempo der Aufdosierung und die schließlich erreichte optimale Dosis ist die am Injektionsort auftretende Lokalreaktion als Ausdruck der Aktivierung des Immunsystems: Hat sie einen Durchmesser von 3 – 5 cm erreicht, kann die entsprechende Dosis vorerst beibehalten werden. Bei den meisten Patienten lässt die Lokalreaktion im Laufe der Behandlung nach, sodass entsprechende Dosissteigerungen vorgenommen werden können. Ca. 5 – 10 % der Patienten behalten eine deutliche Lokalreaktion auch bei gleichbleibender Dosierung dauerhaft bei. Dieses Fortbestehen der Lokalreaktion ist nach vorliegenden klinischen Beobachtungen häufig mit einem eher günstigen Krankheitsverlauf assoziiert (1,  Kap. 7.1.3.1). Andererseits bedeutet ein Nachlassen der Lokalreaktion keinesfalls, dass die Mistel wirkungslos ist.

Das Ausmaß der Lokalreaktion kann bei Wechsel der Injektionsstelle in eine andere Körperregion bei ein und demselben Patienten unterschiedlich ausgeprägt sein. Auch situativ – z. B. nach einem Infekt – kann die Lokalreaktion wieder zunehmen. Es ist grundsätzlich sinnvoll, innerhalb einer Körperregion – z. B. Bauchhaut oder Oberschenkel – den Injektionsort stetig zu wechseln.
Verschiedene Patienten reagieren unterschiedlich sensibel auf Mistelpräparate, sodass die gleichen Dosierungen patientenabhängig Lokalreaktionen sehr unterschiedlichen Ausmaßes hervorrufen können: Bei dem einen Patienten bleibt man über Monate bei einer relativ niedrigen Dosierung, während man bei dem anderen innerhalb weniger Wochen bis zur Maximalkonzentration aufdosieren kann. Entscheidend ist nicht die absolute Dosis, sondern die erreichte Wirkung. 

2. Befinden des Patienten

Wichtigstes Kriterium für die Therapiesteuerung der Misteltherapie ist das klinisch erfassbare Befinden des Patienten, das mehrere Dimensionen umfasst, die für die Beurteilung der Therapie hilfreich sind.
Ganz allgemein sollte der Patient das Gefühl haben, dass etwas passiert, dass durch die Mistel die vielfältigen, mit der Krebserkrankung einhergehenden, Erstarrungsphänomene – wie fehlende Temperaturrhythmik oder depressive Stimmungslage – in Bewegung kommen.

Wirkungen auf das Immunsystem: Verbesserte Wärmebildung und -regulation, verminderte Infektanfälligkeit
Schon bald nach Beginn einer Misteltherapie schildern Patienten oft ein deutliches Gefühl innerer Durchwärmung bzw. Abnahme einer oft – aber keineswegs immer – vorhandenen Kälteintoleranz. Die Patienten erleben ihren Körper wieder als einen durchwärmten Innenraum, in dem sie sich wohlfühlen. Diesem mehr subjektiven Empfinden kann im Verlauf die auch objektiv nachweisbare Anhebung einer zuvor eher niedrigen Körpertemperatur bzw. eine Rhythmisierung der tageszeit-abhängigen Temperaturkurve folgen.

Abb. 3: Temperaturkurve (in Monaten): Patientin S., 56 Jahre, Mammakarzinom

Allerdings korreliert die Temperaturkurve nicht eindeutig mit dem Verlauf und ist nur ein Kriterium unter mehreren. Eine Messung der Temperaturkurve vor Beginn der Behandlung und dann intermittierend kann hilfreich sein, wenn die Messung mehrmals täglich exakt (rektal) nach angemessener Ruhe erfolgt – am besten vor dem Aufstehen und zwischen 16 und 17 Uhr. Bei einzelnen Tumorerkrankungen, wie dem malignen Melanom, ist eine ausgeprägte Untertemperatur (< 35 °C) mit inversem Temperaturrhythmus häufiger anzutreffen. Hier kann ein Monitoring mittels Temperaturkurve besonders hilfreich sein. Oft ist es auch ausreichend, auf die oben beschriebene Änderung des subjektiven Wärmegefühls des Patienten zu achten.
Die verbesserte Wärmeregulation ist auch Ausdruck einer Stabilisierung des Immunsystems mit einem deutlichen Rückgang der Infektanfälligkeit. Dies ist auch ein wichtiger Grund, warum nicht wenige Patienten in der adjuvanten Situation die Misteltherapie auch noch nach Jahren fortführen.

Steigerung der Vitalität, Verminderung von Fatigue
Die Vitalität erfährt häufig eine bemerkenswerte Steigerung, verbunden mit einem Gefühl der „Verjüngung“ und des allgemeinen Energiezuwachses als Ausdruck einer Kräftigung des Ätherleibs. Chemotherapien werden besser toleriert, die damit einhergehende oder tumorbedingte Fatigue kann sich verringern, es kann zu einer gewünschten Gewichtszunahme kommen. Die häufig vorhandenen und mit der Fatigue assoziierten Schlafstörungen bessern sich oft, weitere ggf. gestörte vegetative Funktionen können sich regulieren, beispielsweise Appetit und Libido wieder zunehmen (1, Kap. 7.1.3.3).

Krankheitsstabilisierung, Tumorremission
Gegebenenfalls tritt auch eine Krankheitsstabilisierung in Bezug auf die physischen Tumormanifestationen bzw. eine Tumorremission auf. Dieser Effekt zeigt sich naturgemäß erst nach längerer Zeit. Es gibt zahlreiche Beobachtungen, dass diese Remissionen im Falle eines deutlich gestörten Wärmeorganismus mit einer Besserung desselben einhergehen (1, Kap. 7.1.3.3).

Wirkungen der Misteltherapie auf seelisch-geistiger Ebene
Die bessere körperliche Wärmebildung und -regulation zeigt sich auch auf seelischer Ebene: So kann unter einer Misteltherapie eine antidepressive, aufhellende Wirkung beobachtet werden mit Zunahme der Schwingungsfähigkeit eines unter der Last der Erkrankung erstarrten Gefühlslebens. Ängste werden weniger, der Patient entwickelt wieder Vertrauen in seine Situation. Dies geht in der Regel auf der Ich-Ebene mit einer gesteigerten Persönlichkeitspräsenz und Initiativkraft im Umgang mit der Erkrankung und bei der Neugestaltung der Biografie einher (1, Kap. 7.1.3.3).

3. Laborwerte

Für die Verlaufsbeurteilung einer onkologischen Erkrankung gelten unter Misteltherapie grundsätzlich die gleichen Kriterien wie unter anderen onkologischen Therapien, wie z. B. bildgebende Verfahren, Tumormarker. Ein in jeder Praxis anhand eines Differenzialblutbildes einfach zu ermittelnder Wert zur allgemeinen Orientierung ist das Verhältnis Neutrophile Granulozyten/Lymphozyten, der mit dem Verlauf verschiedener Tumorerkrankungen korreliert. Je niedriger der Lymphozytenanteil, desto ungünstiger ist im Allgemeinen der Verlauf. Gelegentlich wird zu Beginn der Behandlung eine Eosinophilie beobachtet, was häufig mit einem guten Ansprechen verbunden ist. Andere Laborparameter, wie ein teurer Immunstatus, sind in ihrer prädiktiven Aussagekraft nach Auffassung der Redaktion nicht verlässlich und sollten bei Durchführung immer im Zusammenhang mit der Gesamtsituation des Patienten bewertet werden.

4. Zeichen der Überdosierung

Kommt es nach der Injektion zu Abgeschlagenheit, Frösteln, Kopfschmerzen, Durchfällen, die bis zum nächsten Tag anhalten, oder unerwünscht starken entzündlichen Lokalreaktionen, spricht dies für eine Überdosierung. Durch kurzzeitiges Pausieren der Misteltherapie bis zum Abklingen der Reaktionen sowie anschließender Dosisreduktion oder Wirtsbaumänderung lässt sich das Problem meist beheben.

5. Infekte

Während eines schweren oder hochfieberhaften Infektes sollte die Misteltherapie bis zum Abklingen der Symptome pausiert werden. Gelegentlich zeigt sich dann bei Wiederaufnahme der Misteltherapie wieder eine verstärkte Lokalreaktion, was sich durch die Aktivierung des Immunsystems während des Infektes erklärt.

Welche patientenbezogenen Gesichtspunkte sollten bei der Dosierung der subkutanen Misteltherapie berücksichtigt werden?

  • Eine vorsichtige Dosierung sollte gewählt werden bei:
    -  sensiblen, neurasthenischen Patienten, die darüber berichten, auf vieles
       empfindlich zu reagieren,
    -  Patienten mit Autoimmunerkrankungen (1, Kap. 12.3),
    -  Patienten mit Allergien.
  • Bei mitteilungsfreudigen, seelisch leicht erregbaren Patienten mit stammbetonter Adipositas sollte eher langsam aufdosiert werden, da sie häufig mit ausgeprägten Lokalreaktionen reagieren können.
  • Eine höher konzentrierte bzw. rasch aufdosierte Misteltherapie eignet sich besonders für Patienten mit allgemeiner Neigung zu Sklerose und seelischer Erstarrung, die wie „eingefroren“ wirken und eine nur unzureichende Regeneration während der Nacht zeigen.
  • Patienten, die ungünstig auf eine Laubbaummistel reagieren, ist der Wechsel auf eine Nelbaummistel zu empfehlen.

Welche tumorbezogenen Gesichtspunkte sollten bei der Dosierung der subkutanen Misteltherapie berücksichtigt werden?

  • Bei Patienten in der adjuvanten Situation mit niedrigem Risikoprofil kann niedrig dosiert begonnen und je nach individueller Reaktion langsam gesteigert werden.
  • Bei Patienten mit metastasierter Erkrankung in gutem Allgemeinzustand ist eine rasche Aufdosierung sinnvoll, ggf. auch eine fieberinduzierende hochdosierte Misteltherapie (1, Kap. 7.1.7).
  • Eine vorsichtige Dosierung ist angezeigt bei Patienten mit Hirntumor oder Hirnmetastasen in kritischer Lokalisation mit perifokalem Ödem. Nach Resektion oder Bestrahlung und abgeklungenem perifokalem Ödem kann aber durchaus auch normal dosiert behandelt werden.
  • Präoperativ vor geplanter Tumorresektion: Es ist wünschenswert, die Misteltherapie bereits vor der Operation zu beginnen, verwendet wird meist ein Standardschema.
  • Hochpalliative, geschwächte Patienten mit weit fortgeschrittener Tumorerkrankung sollten eine wärmend-umhüllende, nicht „herausfordernde“ Misteltherapie erhalten. Besonders geeignet sind in diesem Zusammenhang Nadelbaummisteln verschiedener Hersteller in niedrig dosierter bzw. potenzierter Form,
    z. B. Helixor® A, Iscador® P, Iscucin® Abietis oder Pini, abnobaVISCUM® Pini s.c. oder als Infusion.
    Ziel ist eine Beruhigung der Symptomatik, „es tritt Friede ein“. Je fortgeschrittener die Erkrankung, desto feiner sollte die angewandte Konzentration bzw. desto höher die Potenzierung sein. Die Mistel sollte einmal tgl. oder jeden zweiten Tag gegeben werden, orientiert an der Lebensqualität und dem Willen des Patienten.

Pausen und Therapiedauer

Die Dauer einer Misteltherapie, bzw. das Einlegen von Pausen, wird individuell gehandhabt und richtet sich nach tumorbezogenen Kriterien wie Tumorart und Tumorstadium und dem damit verbundenen Rezidiv- oder Progressionsrisiko und nach dem Befinden des Patienten, dessen Selbsteinschätzung und Lebenssituation. Folgende allgemeine Gesichtspunkte ergeben sich dabei:

Adjuvante Situation

Niedriges Rezidivrisiko: Hier wird im Allgemeinen 5 Jahre lang durchbehandelt und dann die Mistel abgesetzt. Nach 2 – 3 Jahren Behandlungsdauer können Pausen eingelegt werden, die allmählich verlängert werden, z. B. 2 Monate Behandlung, 1 Monat Pause, dann 1 Monat Behandlung, 2 Monate Pause. In vielen Fällen hat es sich schließlich bewährt, im Frühjahr und Herbst eine Mistelkur von 1 – 2 Monaten durchzuführen.
Allerdings ist das Befinden des Patienten für die Art und Weise der Therapiebeendigung oder Fortführung ebenfalls bedeutsam. So gibt es Patienten, die nach einer gewissen Dauer der Mistelbehandlung das Gefühl haben, sie seien nun gesund und die Mistel könne ihnen nichts mehr geben. Manchmal entwickelt sich sogar eine Art Widerwillen gegen die Mistelinjektionen. In solchen Fällen kann die Misteltherapie auch vor Ablauf von 5 Jahren abgesetzt werden, sofern sich seitens des Arztes keine anderen Gründe ergeben, die es sinnvoll erscheinen lassen, dem Patienten eine Fortführung nahezulegen.
Andere Patienten erleben bereits nach kurzen Pausen, dass sich ihr Zustand verschlechtert und Kältegefühl, Infektanfälligkeit oder Erschöpfungsgefühl/Fatigue wieder zunehmen. Solche Patienten werden in der Regel selbst darauf drängen, die Misteltherapie auch über den Zeitraum von 5 Jahren hinaus in individueller Intensität fortzuführen, ggf. über viele Jahre hinweg.

Hohes Rezidivrisiko: Bestimmte Tumore, wie Mammakarzinome und Melanome, sind auch nach kurativer Operation generell mit dem Risiko eines Spätrezidivs auch nach 10–15 Jahren verbunden. Auch andere Tumorentitäten, z.B. Karzinome der Mundhöhle, können nach vielen Jahren noch rezidivieren. Zudem gibt es erbliche Formen des Mammakarzinoms und anderer Tumorarten, die mit einem besonders hohen Risiko von Rezidiven bzw. weiteren Tumorerkrankungen verbunden sind (z.B. Ovarialkarzinom beim BRCA-positiven Mammakarzinom). Daneben ist bekannt, dass intensive Chemotherapien, z.B. bei Lymphomen und Leukämien, ein erhöhtes Risiko von Zweitmalignomen im späteren Lebensalter nach sich ziehen.
In all diesen Fällen spricht viel dafür, die Misteltherapie über viele Jahre oder sogar lebenslang fortzusetzen, immer orientiert am Befinden des Patienten und mit individuell festzulegenden, aber nicht zu langen Pausen.

Palliative Situation

In der metastasierten oder lokal inoperablen Situation sind auch bei kompletter Remission Pausen oder eine Beendigung der Misteltherapie nur mit großer Vorsicht zu erwägen, dies gilt besonders, wenn der Patient starken biographischen Belastungen ausgesetzt ist oder sich im Rahmen einer Pause bald eine Verschlechterung des Befindens einstellt (s. o.).
In der palliativen Situation sollte im Allgemeinen ohne Unterbrechung durchbehandelt werden mit regelmäßiger Therapieanpassung entsprechend dem Krankheitsverlauf.
Auch in der Sterbephase kann die Mistel bis zuletzt in feineren Dosierungen häufig gegeben bzw. in potenzierter Form sehr hilfreich sein. Dies gilt für Schmerzreduktion und Lebensqualität.

Wichtige Kriterien zur Wirtsbaumwahl

Die Misteltherapie stützt sich auf die weißbeerige Mistel (Viscum album), bei der drei Unterarten unterschieden werden (2):

  • Viscum album ssp. album wächst ausschließlich auf Laubbäumen.
  • Viscum album ssp. abietis wächst auf verschiedenen Tannenarten.
  • Viscum album ssp. austriacum wächst bevorzugt auf Kiefern, kann aber auch gelegentlich auf Fichten vorkommen.

Auf den menschlichen Organismus bezogen, zeigen die sich jahreszeitlich sehr konstant verhaltenden Nadelbäume (Tanne und Kiefer) mit ihren stark geformten Nadeln und Zapfen eine Beziehung zum ebenfalls strukturbetonten, „ruhenden“ Nervenpol, wohingegen Laubbäume von einem jahreszeitenbezogen starken Wechsel insbesondere der Blätter geprägt sind und damit in einer Beziehung zu den drüsigen Stoffwechsel- und Fortpflanzungsorganen stehen.

Vor diesem Hintergrund, sowie gestützt durch breite klinische Erfahrung, werden grundsätzlich zunächst bei malignen Tumoren im oberen Menschen – vor allem bei Hirntumoren – eher Nadelbaummisteln gewählt, bei Tumoren der Stoffwechselorgane Laubbaummisteln.

Diese Unterschiede zeigen sich nun interessanterweise auch in den stofflichen Qualitäten der auf den entsprechenden Bäumen wachsenden Mistelpflanzen: So unterscheiden sich die drei Unterarten von V. album grundlegend in der Zusammensetzung der verschiedenen Viscotoxin-Isoformen, und zudem sind die Laubbaummisteln generell lektinreicher als Nadelbaummisteln. Sie können daher im Allgemeinen stärkere entzündliche Reaktionen auslösen als Nadelbaummisteln, was für die klinische Anwendung von Bedeutung ist.
Mit der Absicht, stärker formende Kräfte zu mobilisieren, werden hingegen v. a. Nadelbaummisteln verwendet, die auch das Allgemeinbefinden bei sehr geschwächter Vitalität verbessern.

Abb. 4: Nadelbaummistel (Tanne, Detail). © Jürg Buess

Abb. 5: Laubbaummistel (Eiche). © Jürg Buess

Laubbaum- oder Nadelbaummistel?

Eine erste wesentliche Entscheidung ist hier die Frage, ob primär eine Laubbaum- oder eine Nadelbaummistel eingesetzt werden soll.

Hinsichtlich der Verschreibungspraxis ist zu beachten, dass Kiefern- und Apfelbaummistelpräparate von allen vier Mistelpräparateherstellern bezogen werden können, Eichen- und Tannenmistelpräparate jeweils von drei der vier Hersteller lieferbar sind, wohingegen das Angebot bei den übrigen Laubbaummisteln breit gefächert ist und von Hersteller zu Hersteller stark variiert. Eine Übersicht bietet die folgende Tabelle:

[Platzhalter Abb. 6]

Abb. 6: Verfügbare Wirtsbäume der verschiedenen Mistelpräparatehersteller in Deutschland

Anmerkung: In der Schweiz ist auch von Iscador® die Tannenmistel verfügbar (Iscador® A). AbnobaVISCUM und Iscucin sind nur in Deutschland, nicht aber in der Schweiz oder Österreich zugelassen.

Nadelbaummistel (Kiefer, Tanne)

Mistelpräparate von Nadelbaummisteln zeigen häufig einen guten, das Allgemeinbefinden verbessernden Effekt, der besonders auffällig ist, wenn sie in Begleitung einer Chemo- oder Strahlentherapie angewendet werden. Nicht selten kann durch die Mistelgabe dann die Durchführung dieser Therapien erleichtert oder erst ermöglicht werden, weil die Knochenmarksfunktion und damit die Leukozytenzahl stabilisiert wird, weniger Infektionen auftreten und der Allgemeinzustand sich verbessert.

Bemerkenswert ist, dass Nadelbaummisteln experimentell unter Einwirkung von Zytostatika stabilisierend auf Leukozyten wirken (3), ohne die antitumorale Wirksamkeit einer konventionellen Therapie zu beeinträchtigen (4).

Für die subkutane Misteltherapie gelten folgende allgemeine Gesichtspunkte:

Nadelbaummisteln werden häufig bevorzugt, wenn

  • aktuell eine konventionelle zytoreduktive Chemotherapie oder Bestrahlung stattfindet, die den Kräftezustand des Patienten zu beeinträchtigen droht,
  • der Kräftezustand erheblich reduziert ist, sei es aus konstitutionellen Gründen bei untergewichtig-asthenischen, nerval betonten Patienten (neurasthenische Konstitution), aber auch
  • in einer präfinalen Tumorsituation oder
  • die lokale Situation eine stärkere Entzündungsreaktion mit vorübergehender Anschwellung verbietet, z. B. Gliome.
  • Wenn Laubbaummisteln stets eine überstarke Reaktion hervorrufen, ist eine Umstellung auf eine Nadelbaummistel oft hilfreich.

Laubbaummistel (Apfelbaum, Eiche, Esche etc.)

Zubereitungen aus Laubbaummisteln können in höherer Konzentration lokal, z. B. intratumoral verabreicht, Tumor nekrotisierend und Apoptose induzierend wirken und dabei gleichsam einen stoffwechselbetonten „Verdauungsprozess“ induzieren. Sie können auch bei subkutaner Gabe wesentlich stärkere entzündliche Reaktionen auslösen als die milder wirkenden Nadelbaummisteln. Mit der Intention, unmittelbar zytotoxisch im Rahmen einer tumorlokalen Anwendung wirken zu wollen, werden in erster Linie Laubbaummisteln verwendet. Ist eine starke Entzündungsreaktion unerwünscht oder gefährlich, bspw. weil ein peritumorales Ödem bei einem Hirntumor Einklemmungserscheinungen bewirken könnte oder sensible Strukturen in Tumornähe eine unerwünschte Schmerzverstärkung vermitteln würden, sind Arzneimittel aus Nadelbaummisteln oft hilfreicher. Auch bei stark reduziertem Allgemeinzustand können Mistelpräparate von Laubbaummisteln eine Überforderung bedeuten und die Schwäche eher verstärken, so dass eine Nadelbaummistel eher indiziert ist.

Laubbaummisteln werden bevorzugt eingesetzt

  • bei gutem Kräftezustand, wenn eine optimale Tumorwirkung erreicht werden soll,
  • organbezogen bei Tumoren des Gastrointestinaltrakts, der Lunge sowie der Fortpflanzungsorgane,
  • für die intra- oder peritumorale Misteltherapie,
  • wenn eine Fieberinduktion angestrebt wird,
  • die lokale Situation eine vorübergehende Schwellung und Entzündlichkeit ermöglicht.
  • Auch die intrakavitäre Anwendung (Mistel-Pleurodese oder -Perikardese sowie Harnblaseninstillation bei oberflächlichen Blasentumoren) wird unter diesen Aspekten mit Laubbaummisteln durchgeführt (1, Kap. 7.3 – 7.10).

Bei der Anwendung von Laubbaumisteln ist es besonders wichtig, die Dosierung an den Kräftezustand des Patienten anzupassen. Dann ist zu erleben, dass der Patient wieder seine vitalen Ressourcen für sich fruchtbar machen kann. Den Möglichkeiten einer intensiven Vitalisierung und immunologischen Wirksamkeit steht gegenüber, dass eine Überdosierung den Patienten überfordern und damit schwächen kann. In solchen Fällen ist dann ein Wechsel auf eine Nadelbaummistel sinnvoll.

Wechsel von Laubbaum- und Nadelbaummisteln

Auffallend gute Tumorverläufe wurden in den letzten 20 Jahren auch bei einem rhythmischen Wechsel von Laub- und Nadelbaummistel gesehen, wenn der Allgemeinzustand des Patienten zwar beeinträchtigt war, die Gabe einer Laubbaummistel aber zuließ und ihr Einsatz mit der Intention einer langfristigen Kontrolle der Tumorsituation oder gar Ausheilung der Erkrankung angestrebt wurde (5).

Differentialindikationen für Mistelpräparate verschiedener Wirtsbäume

Eine ausführliche Darstellung der Differentialindikation der verschiedenen Laub- und Nadelbaummisteln finden Sie in Vademecum Anthroposophische Arzneimittel (1,  Kap. 5).