Arzneimittel und äußere Anwendungen bei Schlafstörungen im frühen Kindesalter

Typische Symptome

Einschlafstörungen: Einschlafen gelingt oft nur mit aufwändiger elterlicher Hilfe.
Durchschlafstörungen: das Kind schläft zwar normal ein, erwacht aber bald oder gehäuft wieder und ist dann evtl. auch über längere Zeiten wach.
Übermüdungszeichen: Unruhe, erhöhte Reizbarkeit und Quengeln, Schläfrigkeit in den normalen Wachphasen.

Ein Schlafprotokoll (1), das Schlaf-, Wach- und Fütter- bzw. Versorgungszeiten in 24 Stunden erfasst, ergibt erst die tatsächliche Schlafenszeit und ermöglicht eine Objektivierung, da Eltern Schlafstörungen ihrer Kinder sehr unterschiedlich empfinden. Da Schlafen vom Säugling und Kleinkind erst gelernt werden muss, ist in den ersten Lebenswochen jede Definition von Schlafstörungen schwierig.

Siehe auch Kurzvideo „Schlafen lernen“ unter: https://www.anthromedics.org/PRA-0547-DE

Ursachen

Differentialdiagnostisch sollte man – vor allem, wenn die Schlafstörung neu aufgetreten ist – folgende Auslöser bedenken:
Zahndurchbruch, typische, vorübergehende Verschlechterung nachts in der mittleren Schlafenszeit, typisches Alter: 6 – 24 Monate.
Adenoide und Allergien, können den Schlaf durch blockierte Nasenatmung nachhaltig beeinträchtigen. Typisch der offene Mund, der erschlaffte Unterkiefer.
Nahrungsumstellungen und -unverträglichkeiten, vor allem auf Kuh- oder Sojamilch, vor allem in der Periode des Abstillens. Stuhlunregelmäßigkeiten, Verdauungsbeschwerden, Gedeihstörungen können damit einhergehen.
Stress, Übermüdung/Erschöpfung der Eltern, vor allem der Mutter, psychiatrische elterliche Erkrankungen, wie z. B. postpartale Depression, und Konflikte der Eltern können den kindlichen Schlaf zum Teil sehr stark beeinträchtigen. Die Behandlung muss in diesen Fällen möglichst systemisch ansetzen; wichtig ist eine wirksame Behandlung elterlicher, v. a. mütterlicher Erschöpfungszustände. Deshalb sind die Beratung und ggf. Behandlung der Eltern oft die wirksamste Therapie.
Gastroösophagealer Reflux, die Kinder riechen oft sauer aus dem Mund, zeigen Zeichen von Unwohlsein oder Schmerz, die im Liegen deutlich zunehmen.
Rachitis, Vitamin-D-Mangel und damit mangelnde Sonnenlichtaufnahme kann Schlafstörungen mit Nachtschweiß, meist auch verbunden mit Infektanfälligkeit, auslösen.

Schlafbedarf und Schlafförderung

Der Schlafbedarf von Kindern ist individuell unterschiedlich. Im Säuglingsalter ist normaler Weise das zeitliche Verhältnis Schlafen : Wachen anfangs ca. 2 : 1 und erreicht mit drei Jahren in etwa das Verhältnis von 1 : 1. Erst im Laufe des  ersten Lebensjahres entwickelt ein zusammenhängender Schlaf, in dem das Kind mehrere Tiefschlafphasen durchläuft, während es in den Übergangsphasen dazwischen unruhiger und wacher werden kann.

  • Rhythmen und Rituale und regelmäßige Einschlafzeiten fördern nachweislich den Schlaf.
  • Ebenso die Dämpfung von Lärm und Licht.

Die Wärme

Im Rhythmus von Schlafen und Wachen löst und verbindet sich die kindliche Individualität mit dem leiblichen Geschehen in unterschiedlichem Grade. Das spiegelt sich unmittelbar in der Wärmeorganisation des Kindes. Nachts ist die Körperwärme eher im Außenbereich des Körpers, sodass ein entsprechender Wärmeschutz - z. B. durch Zudecken oder Schlafsack – wichtig ist, damit das Kind nicht auskühlt. Tagsüber zentralisiert und steigert sich die Wärme im Leib. Deshalb ist es wichtig, auf die Wärmevoraussetzungen des Einschlafens zu achten. Der Einschlafvorgang ist mit einem gesteigerten Abstrom der Wärme vom Zentrum zur Peripherie verbunden. Andererseits bedeutet dies, dass das Kind nur schwer einschlafen kann, wenn seine Peripherie – Arme und Beine,  vor allem die Füße! – kühl ist und es aufgrund aktiver Wärmezentralisation (bei Stress) oder mangelnder Eigenwärme diese selbst nicht erwärmen kann.

Jeder Säugling, jedes Kleinkind ist auf die Wahrnehmung und elterliche Hilfestellung in Bezug auf seine Eigenwärme angewiesen. Da die Wärmeverhältnisse individuell außerordentlich unterschiedlich sind, gilt es, vor allem die Wahrnehmungsfähigkeit der Eltern durch Anleitung und Rückfragen zu schulen. Jeder weiß, dass man mit kalten Füßen schlecht einschläft.

  • Eltern sollten die Wärme ihres Kindes differenziert wahrnehmen und gegebenenfalls entsprechend wärmeregulierende Maßnahmen einsetzen, um den Schlaf zu fördern.

Äußere Anwendungen

Im Säuglings- und Kleinkindesalter sind Öleinreibungen des Körpers und der Gliedmaßen abends schlaffördernd wirksam. Die Wirkung ist wesentlich nachhaltiger als die einer Wärmflasche, deren Anwendung aus mehreren Gründen (Sicherheit, Gefahr von Verbrennungen) in diesem Alter problematisch ist und die ggf. eher zum Vorwärmen des Bettchens verwendet werden sollte. Basisöle im frühen Säuglingsalter können auch Ekzemen vorbeugen. Bei der Ölauswahl wird man bei Früh- und Neugeborenen zurückhaltend mit Zusätzen von ätherischen Ölen sein und möglichst diejenigen Basisöle verwenden, deren Wirkung von Natalie Hurst ausführlich beschrieben worden ist (siehe auch https://www.anthromedics.org/PRA-0861-DE ):

  • Für Kinder nach Frühgeburt, für Kinder, die eher sensibel, ggf. verletzt wirken:
    Mandelöl

  • Wärmend, schmerzstillend und zur Förderung der Regeneration der Haut:
    Olivenöl
    Im Säuglingsalter kann man handelsübliche, therapeutisch wirksame Öle wie z. B. von WALA und WELEDA in ihrer Konzentration im Verhältnis 1 : 10 – 1 : 2 mit einem Basisöl verdünnen, im Kleinkindes- und Kindergartenalter ist vielfach bereits die unverdünnte Anwendung empfehlenswert.

  • Beruhigend, lösend, schlaffördernd wirkt Lavandelöl als
    Lavandula, Ol. aeth. 10 % WALA/WELEDA
    Im Säuglingsalter 1 – 5 %ig angewandt. Es eignet sich sehr gut für Brusteinreibungen, Auflagen oder Brustwickeln bei trockenem Husten und Pseudokrupp (stenosierender Laryngitis).

  • Eine noch stärker umhüllende Variante, u .a. mit Torfextrakt, eignet sich z. B. bei Kleinkindern mit chronischen Erkrankungen, in der Klinik oder in Stresssituationen:
    Solum Öl WALA

  • Eine besonders wärmende Ölkomposition im Kleinkindes- und Kindergartenalter ist das
    Malvenöl WALA
    das vor allem in der kalten Jahreszeit an den Extremitäten oder auch als Ganzkörpereinreibung angewandt werden kann. Hier kann es in seltenen Fällen zu einer Hautreizung kommen, dann ggf. verdünnen oder das Öl wechseln.

  • Nach Schock oder Trauma, bei Schmerzempfindlichkeit oder Kolikneigung eignet sich im Säuglings- und Kleinkindesalter ein Ölauszug des Sauerklees, auch als Salbe erhältlich:
    Oxalis-Öl WALA, Oxalis Folium 10% Salbe WELEDA

    Feuchte Wärme insbesondere an den Füßen kann bei Einschlafstörungen im frühen Kindesalter sehr beruhigend und schlaffördernd wirken. 
  • Bei Kindern im Kindergartenalter kann ein warmes abendliches Fußbad von ca. 8 – 10 Min. durchwärmend und beruhigend wirken, z. B. mit:
    Lavendel Entspannungsbad WELEDA

  • Kind ist müde und wehrt sich gegen den Schlaf, Schwitzen am Kopf:
    Bewährt haben sich ab dem ersten Lebensjahr sog. Milchsocken.
    Die Körperwärme wird sanft in die Peripherie gelenkt. Die Trocknung der Milch auf der Haut bewirkt eine leichte Zusammenziehung. Benötigt werden dazu ein Paar Wollsocken (Schafwolle) und ca. 100 ml warme Vollmilch.
    Durchführung: Man legt zur Anwendung ein Frottee-Handtuch als Bettschutz unter, tränkt die Wollsocken in warmer Milch (40 °C), wringt sie gut aus und zieht sie über Füße und Waden an bis zu den Knien. Socken über Nacht belassen. In der Regel sind sie am Morgen getrocknet. (Mit etwas Wollwaschmittel auswaschen).

  • Nicht alle Kinder tolerieren Wolle auf der Haut. Andererseits sind die einzigartig wärme- und feuchtigkeitsregulierenden, verschmutzungsabweisenden Eigenschaften der Wolle in diesem Alter besonders ideal:
    Ein Wollbody kann spürbar zur Wärmestabilisierung und damit auch zum Schlaf des Kindes beitragen. Die individuell richtige Körperbekleidung, möglichst aus Wolle, und entsprechende Zudecken bzw. ein Schlafsack können eine wirksame Einschlafhilfe bieten.

 

Licht und Dunkel

Sehr zu Recht werden gegenwärtig in der Behandlung von kindlichen Schlafstörungen die Elternberatung und pädagogische Maßnahmen gegenüber einer Behandlung mit Arzneimitteln in den Vordergrund gerückt; die kinder- und jugendpsychiatrische Fachliteratur warnt vor allopathischen Schlafmitteln. Der Gebrauch des „Schlafhormons“ Melatonin sollte unserer Auffassung nach sehr zurückhaltend und auf spezifische Störungen beschränkt bleiben (2). An sich weisen Kleinkinder im Blut die höchsten nächtlichen Melatoninspiegel auf, wobei stets die Dunkelheit eine wesentliche Rolle für die Melatoninsekretion spielt. Lärm- und Lichtbelästigung stören nachweislich den Schlaf. Das Gleiche trifft auf das Licht von Bildschirmen (Fernsehen, Smartphone, PC) zu, dem oft schon Säuglinge ausgesetzt sind. Es beeinflusst in ungünstiger Weise Einschlafen und Schlaftiefe.
Demgegenüber regt Sonnenlicht untertags den Schlaf-Wach-Rhythmus an und das aktive Spiel unter freiem Himmel ist eine wesentliche Voraussetzung für einen guten Nachtschlaf.

Naturbasierte Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin

Die nachfolgend genannten Arzneimittel werden aus Heilpflanzen und anderen Natursubstanzen (z. B. Austernschalenkalk) gewonnen. Sie weisen keine ernsthaften Nebenwirkungen auf und beeinträchtigen die kindliche Entwicklung und Wachheit am Tage nicht. Umgekehrt wirkt sich die Stabilisierung des kindlichen Schlafes förderlich auf die geistige und körperliche Entwicklung aus.

  • Bei „dünnhäutigen“ Kindern, die sinnesüberempfindlich, leicht erregbar und ängstlich sind. Nachts kann auffallender Durst als Zeichen seelischer Überaktivität bestehen. Häufiges  Schwitzen an Händen und Füßen:
    Bryophyllum Argento cultum Rh D3 WELEDA (wässrige, alkoholfreie Lösung)
    1 –  3 × tgl. 5 – 10 Tr., v. a. abends und nachts gegeben

Bei diesem Präparat handelt es sich um einen verdünnten Pflanzenauszug aus Bryophyllum, einem ursprünglich in trockenen Regionen Madagaskars beheimateten Fettblattgewächs. Um der dort drohenden Austrocknung in der Tageshitze zu begegnen, verlegt Bryophyllum seine Kohlenstoff-Assimilationsprozesse in die Nacht und öffnet dann die Spaltöffnungen seiner Blätter, während sie am Tag geschlossen werden. Die Pflanze ist also in der Lage, den normalen Tag-Nacht-Rhythmus einer Pflanze umzukehren. Pharmazeutisch werden Bryophyllumpflanzen mit einem silberhaltigen Dünger behandelt. Das Silber wird dabei in Spuren von der Pflanze aufgenommen und lebendig organisiert, „potenziert“. Das Arzneimittel wird aus dieser so vorbehandelten Pflanze hergestellt. Es wirkt auf die kindliche Lebensorganisation derart, dass es den Rhythmus der Stoffwechselaktivitäten des Kindes ordnet und stabilisiert und auf das vegetative Nervensystem eine beruhigende Wirkung zeigt. Es kann sehr hilfreich sein bei Kleinkindern, die in utero, bei oder nach Geburt einem stärkeren Stress ausgesetzt waren, was auch bei Sektio der Fall sein kann.

  • Ein breit anwendbares Arzneimittel bei kindlichen Ein- und Durchschlafstörungen ist:
    Valeriana comp. Globuli WALA, abends 3 – 7 Globuli, ggf. nachts wiederholen.
    Neben der bekannten, lösenden Wirkung der Baldrianwurzel enthält dieses Mittel potenzierte Auszüge von Austernschalenkalk, Phosphor und Schwefel, die das Ein- und Durchschlafen fördern.

  • Bei Einschlafstörungen und nervöser Unruhe des Kindes:
    Passiflora comp. Globuli WALA, abends 5 Globuli
    Kinderzäpfchen WALA, abends 1 Zäpfchen
    Sie enthalten licht- und wärmerhythmisierte Auszüge aus Hafer, Passionsblume, Hopfen und Baldrianwurzel.

  • Der potenzierte Austernschalenkalk eignet sich bei Kleinkindern mit Einschlafstörungen, die
    zu häufigen Katarrhen, Adenoiden, Tonsillenvergrößerungen neigen; beim Einschlafen erheblich schwitzen; zu Ängsten neigen, auf Medien oder aufregende Geschichten mit Schlafstörungen reagieren:
    Conchae D 6 Verreibung WELEDA, 1 – 3 x tgl. 1 Messerspitze Pulver vor der Mahlzeit, v. a. abends.

  • Demgegenüber eignen sich potenzierte Präparate der Tollkirsche vor allem für Durchschlafstörungen. Wirkt beruhigend auf Kinder, die nach der ersten Tiefschlafphase aufwachen, dabei zum Teil heftig aufschrecken (Pavor nocturnus), ohne ganz wach zu werden und die zum Schwitzen am Kopf und kühlen Händen und Füßen neigen:
    Atropa Belladonna ex herba D 10 Globuli WALA, abends 5 Globuli

  • In der Phase der Zahnung können Auszüge aus der Kamillenwurzel das nächtliche Durchschlafen fördern:
    Belladonna/Chamomilla Globuli WALA, ggf. mehrmals tgl. 3 – 5 Globuli
    oder
    Fieber- und Zahnungszäpfchen WELEDA, abends 1 Zäpfchen

  • Schlafstörungen nach akuten Schreck- oder Schockerlebnissen (z. B. Unfall) lassen sich gut behandeln mit potenzierten Auszügen der Wurzelknolle des Eisenhuts:
    Aconitum e tub. D 20 Glob. WALA, abends 5 Globuli

1 Beispiel für ein Schlafprotokoll für Kinder bei kindergesundheit-info.de verfügbar unter:

2 Hunkeler P. Melatonin bei kindlichen Schlafstörungen. Paediatrica 2013;24(4):17-19.


Glöckler M, Michael K, Goebel W. Kindersprechstunde. Ein medizinisch-pädagogischer Ratgeber. 21. Aufl. Stuttgart: Urachhaus; 2018, Kap. Beachtung und Pflege der Rhythmen.

Soldner G, Stellmann HM. Individuelle Pädiatrie. Leibliche, seelische und geistige Aspekte in Diagnostik und Beratung. 5. Aufl. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2018, Kap. 7.1.

Soldner G, Vagedes J. Das Kindergesundheitsbuch. 7. Aufl. München: Gräfe & Unzer;. 2018