Arzneimittel in der anthroposo-phischen Schmerztherapie

Akute und chronische Schmerzen gehören zu den Grunderfahrungen des Lebens und begleiten zahlreiche Erkrankungen. Sie werden nach der diagnostischen Abklärung – üblicherweise nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – mit peripher wirksamen, Nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAR) oder zentral wirksamen Opiaten bzw. Opioiden therapiert. Analgetika sind allerdings auch mit unerwünschten Arzneimittelnebenwirkungen verbunden, die ihren Gebrauch einschränken können. Darüber hinaus benötigt gerade der chronische Schmerzpatient eine integrative Therapie, da die alleinige medikamentöse Therapie oftmals zu keiner ausreichenden Besserung führt. Hier kann die Anthroposophische Medizin einen wesentlichen therapeutischen Beitrag leisten.

Schmerz ist ein Bewusstseinserlebnis am unphysiologischen Ort. Die Empfindungsorganisation führt zu unterschiedlichen Schmerzqualitäten wie den brennenden, pochenden oder auch krampfartigen Schmerz. Die Schmerzerfahrung reduziert Lebenskräfte. Viele Patienten klagen deswegen über Erschöpfung und Kraftlosigkeit und wünschen sich eine therapeutische Unterstützung ihrer Lebensorganisation. Durch Analgetika soll die Schmerzerfahrung minimiert oder ausgeschaltet werden. Patienten fragen allerdings nicht nur nach einer „blockierenden“ und damit symptomatischen Therapie, sondern wünschen sich eine Beeinflussung der Schmerzursache bzw. der zugrundeliegenden Krankheit. Auch machen sie Erfahrungen zur Schmerzlinderung durch Bewegung, Wärme oder Äußere Anwendungen und suchen Therapien, die die gesundenden Kräfte unterstützen. 

In der anthroposophischen Schmerztherapie werden sowohl die gängigen Analgetika als auch die nachfolgend genannten Arzneimittel eingesetzt. Letztere sollen dem Patienten den zum Schmerz führenden Krankheitsprozess abnehmen und sein seelisch-geistiges Wesen wieder in physiologischer Weise mit dem Organismus verbinden. Schmerz entsteht durch ein zu tiefes Eingreifen der Empfindungsorganisation (Astralische Organisation) in die Lebensorganisation und den physischen Leib. Die Schwächung der Lebensorganisation braucht ihre therapeutische Berücksichtigung.  Berücksichtigung. Beispielsweise ist bei der Therapie chronischer Schmerzen auf einen guten und regeneratorisch wirksamen Schlaf zu achten.

Schmerzqualitäten

Je nach Ursache und Auslöser werden verschiedene Schmerzqualitäten beschrieben. Sie beruhen auf der unterschiedlichen Wirksamkeit der Empfindungsorganisation: Die hellen, neuropathischen Schmerzen entwickeln sich auf der Grundlage des Nervensinnes-Systems, die entzündlichen Schmerzen stehen mit dem Stoffwechselgliedmaßen-System in Beziehung. Kolikartige Schmerzen haben demgegenüber einen rhythmischen Verlauf. (Zur funktionellen Dreigliederung des Menschen siehe auch https://www.anthromedics.org/BAS-0349-DE

Nervensinnes-System: heller, umschriebener Schmerz, neuralgiformer Schmerz, neuropathischer Schmerz, krampfender Schmerz
Rhythmisches System: kolikartiger Schmerz
Stoffwechselgliedmaßen-System: entzündlicher Schmerz

Viele Patienten berichten über die schmerzlindernde Wirkung von Wärme bei Spannungsschmerzen im Bewegungsapparat. Die Wärme führt die Empfindungsorganisation in ihre physiologische Wirksamkeit des Organismus zurück. Aus krampfhaften Schmerzen der Muskulatur entwickelt sich wieder die gewohnte Bewegungsfähigkeit. Diese therapeutische Wirksamkeit der Wärme wird durch die Äußeren Anwendungen und wärmeverstärkende Arzneimittel aufgegriffen. Umgekehrt verbessern sich entzündliche Schmerzen durch Kälte und kühle Äußere Anwendungen. Entsprechend wird die Temperatur z. B. eines Arnika-Wickels dem Schmerzbild angepasst.

Schmerzauslösende und schmerzverstärkende Faktoren in der Palliativmedizin

Physische Faktoren

  • Tumore oder Metastasen üben Druck auf Gewebe und Nerven aus und/oder schädigen diese.
  • Muskuläre Verspannungen führen zu Spannungsschmerzen.
  • Kontraktionen der glatten oder der quergestreiften Muskulatur führen zu krampfartigen Schmerzen. 
  • Infektionen oder lokalen inflammatorischen Prozessen verursachen pochende Schmerzen. 

Seelische und soziale Faktoren

  • Ängste, z. B. vor den Folgen der Erkrankung, vor Sterben und Tod, vor sozialen oder wirtschaftlichen Verlusten.
  • Depressionen und Verzweiflung bezüglich der Lebens- und Krankheitssituation.
  • Verlusterfahrungen, z. B. Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust der Autonomie, Verlust von sozialen Beziehungen, Verlust der wirtschaftlichen Sicherheit, Verlust der körperlichen Integrität, u. a.

Spirituelle Faktoren

  • Geistige Leere
  • Sinnverlust
  • Fragen und Zweifel zur eigenen Biografie, evtl. Schuldgefühle

Zum anthroposophischen Therapiekonzept gehören neben der medikamentösen Therapie die Äußeren Anwendungen, körperorientierte Verfahren wie die Rhythmische Massage, die Heileurythmie, künstlerische Therapien, das ärztliche, psychotherapeutische und ggf. auch das seelsorgerliche Gespräch. Eine Behandlungsplanung sollte die Gesichtspunkte der biografischen Entwicklung des Patienten beinhalten.

Arzneimittel in der Schmerztherapie

Aconitum napellus (Blauer Eisenhut)

Der blaue Eisenhut gehört zu den Hahnenfußgewächsen. Seine dunkelblauen Blüten zeigen eine besondere Anordnung und Gestaltbildung. Sie wachsen radiärsymmetrisch horizontal an einer Blütenkerze. Die Blüten sind helmartig geschlossen und nicht dem Licht gegenüber geöffnet. Die Pflanze ist ausgesprochen giftig. Sie bildet das Alkaloid Aconitin.
Aconitum wird bei “hellen”, ziehenden oder brennenden Schmerzen mit begleitender Angst und kühler Peripherie eingesetzt, also bei Beschwerden, die durch die zum Nervensinnes-System orientierte Empfindungsorganisation bedingt sind:

Rhus toxicodendron (Giftsumach)

Rhus toxicodendron wird bei ziehenden, mit Steifigkeit einhergehenden Schmerzen vor allem der Bewegungsorganisation eingesetzt, die sich durch Wärme und Bewegung bessern und hat eine Indikation bei bläschenartigem, juckendendem Hautauschlag.

  • Rhus toxicodendron comp. Amp. WALA, 1 x tgl. 1 Amp. s.c. und bei Bedarf 
  • Rhus toxicodendron D6 Amp. WELEDA, 1 x tgl. 1 Amp. s.c. und bei Bedarf
  • Rhus toxicodendron D6 Glob. z. B. DHU, 3 x tgl. 10 Glob. 

Der Giftsumach ist ein Strauchgewächs, welches sich tief verwurzelt und unterirdische Rhizome ausbildet, aus denen neue Triebe hervorgehen. Im Blattabgang bilden sich am Stängel unscheinbare Blütendolden, d. h. der generative Blütenprozess dringt tief ein in den vegetativen Blattprozess. Wie alle Sumacharten bildet auch Rhus toxicodendron einen Milchsaft. Dieser enthält Gerbstoffe und stark giftige, hautreizende Phenole. Anders als beim Aconit führt der Kontakt nicht zur Blässe und kühlen Körperperipherie, sondern zu “entzündlichen” Hautreaktionen. 

Bryonia alba (Zaunrübe)

Bryonia wird in der Schmerztherapie vor allem bei Entzündungsprozessen der serösen Häute mit Ergussbildung (z. B. Arthritis) eigesetzt. Es handelt sich um entzündlich-stechende Schmerzen, die sich durch Bewegung und Wärme verschlechtern.

  • Bryonia/Aconitum Amp. WALA
  • Bryonia e radice D4 Globuli velati WALA oder D6 Glob., 3 – 4 x tgl. 10 Glob. bis zum Abklingen der Symptome
  • Bei malignen Ergüssen Bryonia/Stannum Amp. WALA, 1 x tgl. 1 Amp. s.c. oder jeden 2. Tag 

Die Zaunrübe ist ein Rankengewächs mit einer enorm ausladenden Rübenwurzel. Auffallend ist der süßlich würzige Geruch der Wurzel und die feinen oberirdischen Rankengebilde, die Halt an Bäumen und Sträuchern suchen. Während bereits einzelne, zunächst grüne Beeren sich röten, entstehen immer weiter kleine weislich gelbe, sternförmige Blüten an den Ranken.

Nicotiana tabacum (Tabak)

Nicotiana wird bei krampfartigen Schmerzen eingesetzt und löst die Empfindungsorganisation aus ihrer zu starken und abbauenden Wirksamkeit im Organismus. 

Bei kolikforme Hohlorganschmerzen, Blähungsbeschwerden und krampfartigen Oberbauchschmerzen:

  • Nicotiana comp. Amp. WALA, 1 x tgl. 1 Amp. morgens s.c. und bei Bedarf

Nicotiana gehört zu den Nachtschattengewächsen (Solanaceen). Die einjährige Pflanze hat ihren Ursprung in den subtropischen Gebieten Süd- und Mittelamerikas. Kräftige dunkelgrüne ungeteilte Blätter umgeben in rhythmischer Abfolge den geraden, mannshohen Spross. Zur Spitze hin, wo Blütenstände in endständigen Rispen erscheinen, wandeln sie sich zu kleinen Deckblättchen um. Ein starker harzig-aromatischer Geruch umgibt die ganze Pflanze. Der Hauptinhaltsstoff ist neben anderen Alkaloiden das giftige Alkaloid Nicotin.

Oxalis acetosella (Sauerklee) 

Oxalis führt die Empfindungsorganisation bei krampfartigen, spastischen Schmerzen in ihre physiologische Wirksamkeit.

Bei Hohlorganschmerzen, kolikartigen Schmerzen, Meteorismus, Schmerzen bei Peritonealkarzinose:   

  • Oxalis comp. Amp. WELEDA 

Bei Tumorschmerzen und bei Koliken:

  • Oxalis Folium Rh D3 Amp. WELEDA, 1 x tgl. 1 Amp s.c.
  • bei zusätzlichen Koliken anschließend Oxalis D3 Dil., 3 x tgl. 10 Tr. 
  • Äußere Anwendungen als Oxaliswickel mit Oxalis 30% Salbe WELEDA

Oxalis acetosella ist eine kleine Pflanze, die an schattigen Orten von Wäldern vorkommt. Sie bildet einen kräftigen Wurzelstock, aus dem zunächst kleine, fleischig verdickte Blättchen hervorsprießen und dann rasch lang gestielte, dreiteilige Blätter und sternförmige Blüten emporwachsen. Die Blätter reagieren empfindlich auf Berührung und Bewegung.

Chamomilla matricaria (Kamille)

Kamille führt die Empfindungsorganisation (Astralische Organisation) bei krampfartigen und entzündlichen abdominellen Schmerzen in ihre physiologische Wirksamkeit und stärkt die Lebensorganisation.

  • Chamomilla e radice D6 Glob. velati WALA, 3 – 4 x tgl. 10 Glob. bis zum Abklingen der Beschwerden.
  • Äußerlich angewendet dienen Kamillenspülungen einer Förderung der Wundheilung.

Die einjährige Pflanze gehört zur Familie der Korbblütler. Ihre zarten weiß-gelben Blütenköpfchen duften aromatisch. Die Kamille bildet ein dunkelblau gefärbtes ätherisches Kamillenöl, welches entzündungshemmend wirkt.

Cuprum metallicum praeparatum (Kupfer)

Kupfer hat eine entkrampfende und durchwärmende Wirksamkeit und verstärkt die Lebensorganisation. Es kommt bei krampfartigen Beschwerden im Bereich der Atmungsorganisation und des Abdomens zur Anwendung und kann mit den genannten Heilpflanzen kombiniert werden:

  • Cuprum aceticum comp. Amp. WALA, 1 – 2 x tgl. 1 Amp. s.c. in den Bauch oder 1 Amp. austrinken lassen.
  • Cuprum metallicum praep. Amp. D6, D10, D30 WELEDA, 1 – 2 x tgl. 1 Amp. s.c. in den Bauch oder eine Ampulle austrinken lassen. 
  • Cuprum metallicum praep. Trit. D6, D10, D30 WELEDA
  • Äußere Anwendung mit Cuprum met. praep 0,1%, 0,4% Salbe WELEDA oder Cuprum metallicum praeparatum 0,4% Öl WELEDA oder Kupfer Salbe rot WALA.

Beim Restless legs Syndrom ist oftmals erstaunlich wirkungsvoll:

  • Cuprum aceticum/Zincum valerianicum Dil. WELEDA, 3 x tgl. 20 Tr., ggf. auch als Ampulle zur Nacht.

Arnica montana (Bergwohlverleih)

Diese Heilpflanze führt die Empfindungsorganisation bei dumpfen, reißenden und ziehenden Schmerzen und Muskelhartspann in ihre physiologische Funktion in der Bewegungsorganisation. Sie wird auch bei Weichteiltraumen und zur Wundheilung eingesetzt.

  • Bei muskulärem Spannungsschmerz äußere Anwendung mit Arnica comp./cum Cupro Oleum WELEDA.

Arnica gehört zur Familie der Korbblütler. Als Hochgebirgspflanze bevorzugt sie lichte feuchte Almwiesen und einen kieseligen Untergrund. Aus einer am Boden liegenden Blattrosette schiebt sich im Frühling ein Stängel empor, der ein einzelnes Blättchenpaar mit sich nimmt. Zu Johanni entfaltet sich eine gelb-orangefarbige, würzig duftende Blüte mit zentralen Röhren- und umgebenden Zungenblüten. Die dann entstehenden Fruchtstände werden vom Wind verweht. Im Herbst sterben die oberirdischen Pflanzenteile ab, und es folgt ein kräftiges Wurzelwachstum mit Bildung von Ausläufern, aus denen dann erneut eine Blattrosette hervorgeht, die im nächsten Frühjahr einen Blütenspross austreibt. 
Arnica ist reich an verschiedenen Inhaltsstoffen: In der Blüte finden sich Arnicaflavon, Cholin und Phytosterine, in der ganzen Pflanze Gerbstoffe, ätherische Öle und feinverteilt kolloidale Kieselsäure, das Rhizom enthält Inulin, Stärke, gummiartige Stoffe und Bitterstoffe.

Viscum album (weißbeerige Mistel)

Die Mistel hat neben ihrer tumorspezifischen auch eine analgetische Wirksamkeit. Sie löst die Empfindungsorganisation aus den schmerzhaften Bereichen des Organismus und führt sie durch ihre Beziehung zur Wärme und über die Endorphinfreisetzung in ihre physiologische Verbindung mit dem Organismus. Damit hat die Misteltherapie einen festen Platz in der Palliativmedizin. Mistelpräparate müssen subkutan injiziert werden (1, Kap. 7).

  • AbnobaViscum®
  • Helixor®
  • Iscador®, Bremistal®
  • Iscucin®

1 Vademecum Anthroposophische Arzneimittel. Bd. 2. 4. Aufl. München: Verlag der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland; 2017. https://www.vademecum.org/


Girke M. Palliativmedizin. Der Merkurstab 2017;70(5):416-423.

Girke M. Schmerztherapie. In: Girke M. Innere Medizin. Krankheitsverständnis und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin. Berlin: Salumed Verlag; 2012, S. 723-755.

Girke M. Schmerzverständnis und Schmerztherapie in der Anthroposophischen Medizin. Der Merkurstab 2008; 61(5):419-434.