Entwicklungsetappen der Anthroposophischen Medizin

1920 beginnt Rudolf Steiner (1861 – 1925) auf Anfrage von interessierten Pharmazeuten und Ärzten, Vortragszyklen über geisteswissenschaftliche Aspekte der Medizin für Fachpersonen zu halten (1).

1921 wurden die ersten klinisch-therapeutischen Institute in Arlesheim bei Basel (Schweiz) und in Stuttgart (Deutschland) eingerichtet (2), und in unmittelbarem Zusammenhang damit wurden auch die ersten Laboratorien zur Heilmittelherstellung aufgebaut, aus denen dann die Firma Weleda und später auch die WALA und andere hervorgingen (3).

1924 Inauguration und Aufgabenstellung der „Erarbeitung des medizinischen Systems der Anthroposophie“ durch Rudolf Steiner und Ita Wegman (1876 – 1943) auf der Weihnachtstagung 1923/24. Nach Steiners Tod erschütterten soziale Konflikte und psychosoziale Belastungsproben die weitere Entwicklung der anthroposophischen Arbeit, während die Entwicklung der Anthroposophischen Medizin in Klinik und Praxis weiterging.

1936 Peripherisierung und Ausbreitung der Anthroposophischen Medizin in Europa. Reisetätigkeit Ita Wegmans und Fortsetzung der klinischen Arbeit in Arlesheim und der Dependance in Ascona/Tessin.

1948 Nach dem zweiten Weltkrieg intensive soziale Integrationsbestrebungen verschiedener Initiativen und Gruppen.

1960 Identitätsbildungen und Zusammenarbeit innerhalb der anthroposophisch-medizinischen Berufsbewegungen für Krankenpflege, Heilpädagogik, künstlerische Therapien, Ernährungstherapie, Heileurythmie, Massage, Förderung von Aus- und Weiterbildungen.

1972 Institutionalisierung und Bürokratisierung. Rechtliche Sicherung der Anthroposophischen Medizin in Deutschland (4).

1984 Wissenschaftliche Legitimierung und Dokumentation der Anthroposophischen Medizin in Deutschland und der Schweiz. Ab 1988 beginnt der systematische Aufbau einer internationalen Koordination der anthroposophisch-medizinischen Bewegung.

1996 Globalisierung der Anthroposophischen Medizin, EU- und weltweite Legitimierungsprozesse gewinnen existentielle Bedeutung. Erstellung der ersten Pharmakopöe Anthroposophischer Arzneimittel in Form des Anthroposophisch-Pharmazeutischen Codex/APC durch ein internationales Expertengremium (5). Grundlegende Standortbestimmung im Jahr 2000: Repräsentanten aller Fach- und Praxisgebiete der Anthroposophischen Medizin beraten den Handlungsbedarf für die kommenden 10 Jahre, insbesondere im Hinblick auf Forschung, Ausbildung, zu erstellende Fachbücher aus den fachärztlichen Bereichen und notwendige Übersetzungen in andere Sprachen. Ideen zu umfassender Öffentlichkeitsarbeit gewinnen an Gestalt, identitätsstiftende Informationsbroschüren und eine neue Patientenzeitschrift werden auf den Weg gebracht, die Fachzeitschrift der Anthroposophischen Medizin „Der Merkurstab“ erhält ein neues Format, themenbezogene Sonderhefte werden publiziert ( www.anthromedics.org/merkurstab_online ).  

2000 Die Medizinische Sektion am Goetheanum entwickelt weitergehende Arbeitsstrukturen und etabliert ein Kollegium von international arbeitenden Koordinatorinnen und Koordinatoren für alle Fachbereich und Praxisfelder: die Internationale Koordination Anthroposophische Medizin/IKAM. Dieser Leitungskreis publiziert später seine Arbeitsformen, Verantwortungsweisen und kollegialen Führungskonzepte in dem Bemühen, die von Rudolf Steiner 1923/24 für die anthroposophische Bewegung veranlagte Arbeitsweise zu realisieren (6). 2002 wird der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland/DAMiD begründet, einem Verbund aller Berufsverbände, die auf ihrem Felde Anthroposophische Medizin realisieren.

2008 Akademisierung und Popularisierung der Anthroposophischen Medizin als einer „Medizin mit Herz“. Realisierung eines Masterplans, der die Förderung von Forschung und Habilitationen auf dem Gebiet der Anthroposophischen Medizin vorsieht. Auf Initiative des Verbandes Anthroposophischer Kliniken wird die Qualitätsmarke AnthroMed® auf den Weg gebracht. Publikation „Vademecum Anthroposophische Arzneimittel“, das in Folge auch in englischer, französischer, italienischer und spanischer Sprache erscheint ( www.vademecum.org ). Die Öffentlichkeitsarbeit strahlt aus, die Websites werden zahlreicher und professioneller, auf onkologischem Feld erscheint „Die Mistel in der Krebstherapie“-Website in Deutsch und Englisch ( www.mistel-therapie.de ), die Patientenverbände kooperieren verstärkt und sind medial präsent ( www.efpam.eu ).   

Weitere und aktuelle Entwicklungen (7)

Die Internationale Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften/IVAA koordiniert und verantwortet die Arbeit für die rechtliche Sicherung der Anthroposophischen Medizin in allen Ländern, in denen diese präsent ist (www.ivaa.info). Kooperationen bestehen mit der European Public Health Alliance (EPHA), EUROCAM, CAMDOC Alliance und der Academy of Integrative Health and Medicine (AIHM).

ESCAMP, European Scientific Cooperative on Anthroposophic Medicinal Products, ist eine internationale Vereinigung zur Zusammenarbeit von Forschern und Experten im Bereich der anthroposophisch-medizinischen Produkte (AMP). Ihr Ziel ist die Entwicklung einer wissenschaftlichen Basis für eine dauerhafte Verankerung der AMP in der europäischen Gesetzgebung, sowohl im Länderrecht als auch im EU-Recht (www.escamp.org).

Auf europäischer Ebene hat sich eine Koalition der homöopathischen und anthroposophischen Arzneimittelhersteller gebildet: European Coalition of Homeopathic and Anthroposophic Medicine Producers, die sich gemeinsam für die rechtliche Sicherung und Verkehrsfähigkeit der Arzneimittel dieser Therapierichtungen einsetzt (https://echamp.eu).

In der Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie (ELIANT) haben sich 10 europaweit tätige Dachorganisationen zusammengeschlossen. Als zivilgesellschaftliche Organisation setzt sich ELIANT auf verschiedenen Lebensgebieten und Arbeitsfeldern für mehr Lebensqualität und kulturelle Vielfalt in Europa ein – insbesondere aber für den Erhalt wichtiger Wahlmöglichkeiten (www.eliant.eu).

Die anthroposophisch-medizinische Forschung will die Wissensbasis und klinische Praxis in allen Bereichen der Medizin fördern. Durch sie werden Wirksamkeit, Effektivität, Sicherheit und Kosten von Interventionen beurteilt, Wirkstoffe und physiologische, biochemische, zelluläre oder genetische Wirkungen einzelner Interventionen analysiert und grundlegende Konzepte, anthropologische Dimensionen und der historische Hintergrund erforscht sowie die Perspektiven von Patienten und Gesundheitsdienstleistern oder neue innovative Bereiche untersucht. Die Forschung wird in vielen Institutionen weltweit durchgeführt und verwendet gut etablierte Methoden, folgt allgemeinen Richtlinien oder entwickelt Methoden (https://medsektion-goetheanum.org/forschung).

Medizinische Sektion am Goetheanum

Die von Rudolf Steiner und Ita Wegman 1924 begründete Medizinische Sektion am Goetheanum in Dornach (Schweiz) ist eine Abteilung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft mit dem Forschungs- und Entwicklungsauftrag, „das medizinische System der Anthroposophie“ auszuarbeiten. Hier kann jeder kooperieren und mitarbeiten, dem diese Aufgabenstellung am Herzen liegt. Die Medizinische Sektion ist dadurch einerseits zentraler Ort der Begegnung und des fachlichen Austausches. Andererseits hat sich hier das internationale Koordinationszentrum und die Gesamtvertretung der Anthroposophischen Medizin herausgebildet. Die Leitung der Sektion arbeitet dementsprechend nicht konstitutiv, sondern dialogisch-regulativ. Das heisst, ihre Leitung und ihre weltweit tätigen Mitarbeiter sind ein freiwilliger Zusammenschluss von Ärzten, Therapeuten und Pflegenden, die im Bemühen um die Weiterentwicklung der Anthroposophischen Medizin zusammenarbeiten. Weitere Informationen unter https://medsektion-goetheanum.org.

1 Steiner R. Geisteswissenschaft und Medizin. GA 312. 8. Aufl. Basel: Rudolf Steiner Verlag; 2020.

2 van Deventer M. Die anthroposophisch-medizinische Bewegung in den verschiedenen Etappen ihrer Entwicklung. Arlesheim: Natura Verlag; 1992.

3 Kugler W (Hrsg.) Rudolf Steiner und die Gründung der Weleda. Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe N. 118/119. Dornach: Rudolf Steiner Nachlassverwaltung; 1997.

4 Zuck R. Das Recht der anthroposophischen Medizin. 2. Aufl. Baden-Baden: Nomos; 2012.

5 International Association of Anthroposophic Pharmacists. Anthroposophic Pharmaceutical Codex APC. Ed. 4.2. Dornach: IAAP; 2020.

6 Glöckler M, Heine R. Führungsfragen und Arbeitsformen in der anthroposophisch-medizinischen Bewegung. 4. Aufl. Dornach: Verlag am Goetheanum; 2015.

7 Vgl. Glöckler M, Girke M, Matthes H. Anthroposophische Medizin und ihr integratives Paradigma. In: Uhlenhoff R (Hrsg.) Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag; 2011.