Rhythmische Einreibungen nach Wegman/Hauschka bei Säuglingen und Kleinkindern

Das Wärme–Atmen

Liebe Eltern,

stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem warmen Sandstrand am Meer, die Wellen des Wassers umspülen rhythmisch ihre Füße und Sie spüren und hören den Rhythmus der sich überschlagenden Wellen. Die Wahrnehmung des rhythmischen Wiederkehrens hat etwas Beruhigendes, Besänftigendes. Sie ist Ausdruck für eine Naturkraft, welche uns berührt, wann immer wir ihr begegnen. In kleinen rhythmischen Wellenbewegungen umspülte das Fruchtwasser auch Ihr noch ungeborenes Kind.

Die wachsende Liebe zu Ihrem Kind bildet – schon vor, aber auch nach der Geburt – die schützende Hülle und Geborgenheit, die es im Mutterleib noch physisch hatte. Das Neugeborene verlässt den geschützten Werde-Raum, die vorgeburtliche Welt in der Mutter und begegnet Ihnen nun zum ersten Mal zum Anfassen, Anschauen und Staunen.

Für ihr Kind sind es neue Verhältnisse: das Erleben von Schwerkraft und unterschiedlichen Temperaturen, Geschmacks- und Geruchserfahrungen, das Bekleiden, die Ernährung und vieles mehr. Auch das Berührtwerden ist für das Kind anders geworden. Nach dem Berührtsein durch das Fruchtwasser, durch eigene Berührungen, die Gebärmutterinnenwand und Ihre Hände auf der Bauchdecke erlebt es nach der Geburt nun die direkte Berührung durch Sie. Diese liebevolle Berührung hat eine wichtige, weitreichende Bedeutung für Ihr neugeborenes Kind. Es kommt aus einem Wärme- und Flüssigkeitsraum, in welchem stets eine gleichmässige Temperatur vorhanden war. Die Wärme, welche Ihr Kind im Mutterleib spüren konnte – körperlich wie seelisch – hat dazu beigetragen, Ihr Kind wachsen und gedeihen zu lassen und Wärme wird auch auf seinem weiteren Entwicklungsweg bedeutend sein.

Die körperliche Wärme erleben Sie deutlich an sich selber, zum Beispiel, wenn sie ihre beiden Handflächen zueinander halten und den Abstand immer mehr verringern. Sie erleben Wärme zwischen ihren beiden Handflächen, je näher diese sich kommen. Wärme und Rhythmus in der Bewegung der Hände sind die Grundelemente der Rhythmischen Einreibungen und des Wärme-Atmens.

Was sind rhythmische Einreibungen und was bewirken sie?

Die rhythmischen Einreibungen beinhalten eine Substanzauftragung durch die Berührung mit warmen, wahrnehmenden Händen und das rhythmische Ausführen von streichenden Bewegungen nach vorgegebenen Leitlinien. Sie wurden 1921 von den Ärztinnen Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) und Dr. Margarethe Hauschka (1896 – 1980) am Klinisch Therapeutischen Institut (heute Klinik Arlesheim) entwickelt und werden seit dieser Zeit von Pflegenden, rhythmischen Masseuren und Hebammen weltweit angewandt und in Kursen vermittelt. Ihre Anwendung wirkt u. a. beruhigend, entspannend, entkrampfend, atmungsvertiefend, durchwärmend.

Was ist das Wärme-Atmen und was bewirkt es?

Diese rhythmische Einreibung wurde speziell für das Säuglings- und Kleinkindalter entwickelt. Das Wärme-Atmen ist ein sanftes Hüllen mit beiden Händen um die einzustreichenden Körperpartien des Kindes, wobei sich die Hände in atmender, rhythmischer Weise zueinander hin und weg  bewegen, in einer Berührungsqualität von Verdichten und Lösen.

Die Hände bleiben dabei immer in Kontakt mit der Kleidung bzw. mit der Haut, damit das Kind es als eine wärmende, rhythmische und atmende Berührung erlebt. Die Säuglings- und Kleinkindereinreibung kann über den Kleidern – somit in allen Lebenslagen anwendbar – oder direkt auf der Haut mit einer ausgewählten Substanz durchgeführt werden.
Das Wärme-Atmen wirkt u. a. wärmend, beruhigend, entspannend, krampflösend und atmungsvertiefend. Es vermittelt Wärme, Hülle, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen im Sinne einer beziehungsfördernden Handlung.

Wann wird das Wärme-Atmen angewendet?

  • Bei der täglichen Körperpflege,  
  • bei alltäglichen Situationen wie Unruhe, Bauchkrämpfen, Schlaflosigkeit,
  • bei Erkrankungen (worauf an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann, da es hierfür eine professionelle Begleitung bzw. eine ärztliche Verordnung braucht).  

Allgemeines für das Wärme-Atmen beim Säugling und Kleinkind

Die Hände können zum Kind „sprechen“, wenn sie aufmerksam und mit Bedacht aufgelegt werden. Wir kennen das Gefühl, wenn wir eine warme Umarmung bekommen.
Das unruhige Kind braucht Vater oder Mutter, die ruhig und besonnen anwesend sind. Um entspannen zu können, braucht es zunächst die ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuneigung der Eltern. 
Sich auf diese Situation als Erwachsener einzulassen führt einen zu sich selbst und man wird ruhiger.
Was uns helfen kann, vor einer Wärme-Atmung-Anwendung ruhiger zu werden sind beispielsweise kurze Pausen an der frischen Luft, ein paar Schritte gehen, kurz durchatmen, einen guten Gedanken fassen. Die eigene Ruhe überträgt sich im besten Sinne auf das Kind.

Kurze Vorübung an sich selbst

Legen Sie Ihre Hände (Handinnenflächen) gegenüberliegend jeweils an die Außenseiten ihrer Oberschenkel und spüren, was Sie wahrnehmen: Stoff der Kleidung, Wärme, Körperform, Muskelspannung. Dann verstärken Sie den Kontakt der Hände etwas zueinander, wie wenn sich eine Welle in Richtung Mitte zwischen Ihren Oberschenkeln bewegen würde und wieder zurückkommt in Ihre Hände, in einem Wellenrhythmus von ca. sechsmal in der Minute.

Diese Bewegung nennen wir Wärme-Atmen, es ist die Grundbewegung der Kindereinreibung. Jedes Mal, wenn wir unsere Hände an den folgend angegebenen Stellen am Körper des Kindes legen, führen wir das Wärme-Atmen ca. sechsmal pro Minute, zwei Minuten lang durch.

Das Wärme-Atmen bei der täglichen Körperpflege

Warme Hände und eine warme Umgebung sind beste Voraussetzungen beim Entkleiden des Kindes, um eine Substanz aufzutragen. Dabei ist zu beachten, dass nur der gerade behandelte Körperteil aufgedeckt ist, alle anderen bleiben zugedeckt.

Sehr wichtig für das Wärme- Atmen bei den Kindern ist: Weniger ist mehr! Das heißt, wenn man die Wärme-Atmung ausführt, dann gerne mit voller Aufmerksamkeit.

Durchführung

  • Das Kind liegt unbekleidet, mit einem warmen Tuch zugedeckt auf dem Wickeltisch.
  • Wir stehen am Fußende des Kindes.
  • Wir beginnen mit der Berührung des Kopfes, danach folgt Teil für Teil der ganze Körper.
  • Das Oel, die Emulsion oder Salbe wird in den Händen angewärmt und dann auf dem jeweiligen Körperteil aufgetragen.

Die folgende Beschreibung erklärt die ganze Körperbehandlung. Es können aber auch nur einzelne Körperpartien bedacht werden.


1. Kopf

Die Hände beginnen mit einer hüllenden Gebärde um das Köpfchen herum und halten dann das Hinterköpfchen in beiden übereinander gelegten Händen, welche auf der Unterlage liegen (Abb. 1 und 2). Die Unterarme liegen neben dem Körper des Kindes. Das Köpfchen wir nur gehalten! Wir vollziehen noch kein Wärme-Atmen, keine Einreibung!
Dieses Halten wieder langsam lösen indem man die Hände seitlich nach Außen gleiten lässt.
Der Kopf ist nur in den ersten Lebensmonaten Teil der Behandlung, beim größeren Kind ist es nicht mehr Teil davon.

 

Abb. 1: Beginn der hüllenden Gebärde am Kopf. © Anette Beisswenger

 

 

Abb. 2: Halten des Hinterköpfchens mit beiden Handflächen. © Anette Beisswenger


2. Füße

Die rechte Hand nimmt die Fußsohlen in die Handfläche und die linke Hand deckt die Füßchen zu (Abb. 3). Dann verdichten die Handinnenflächen sanft zu den Füßchen hin und wieder weg im Sinne der Wärme-Atmung. Ab dem Krabbelalter nimmt man jedes Füßchen einzeln zur Einreibung (Abb. 4).

Abb. 3: Wärme-Atmen an den Füßen. © Anette Beisswenger

Abb. 4: Wärme-Atmen an den Füßen im Krabbelalter. © Anette Beisswenger


3. Unterschenkel und Oberschenkel

Die linke Hand wird an die Außenseite des rechten Unterschenkels gelegt, dann die rechte Hand an die Außenseite des linken Unterschenkels. Die Daumen ruhen gelöst in Höhe der Knie des Kindes. In dieser Position wird jetzt das beidhändige Wärme-Atmen durchgeführt (Abb. 5).

Anschließend werden in gleicher Weise die Oberschenkel des Kindes eingerieben, indem Sie zunächst die linke Hand an die Außenseite des rechten Oberschenkels legen und dann die rechte Hand an die Außenseite des linken Oberschenkels (Abb. 5). Während des Wärme-Atmens ruhen die Fingerkuppen seitlich an den Hüften. Ab dem Krabbelalter führen wir die Wärme Atmung je um das rechte und das linke Bein einzeln durch.

Abb. 5: Wärme-Atmen am Unterschenkel. © Anette Beisswenger


4. Händchen, Unterarme und Oberarme

Ihre rechte Hand liegt seitlich am linken Kindeshändchen und Unterarm bis zum Ellbogen und Ihre linke Hand umhüllt das rechte Händchen und den rechten Unterarm bis zum Ellbogen (Abb. 6). Dann folgt das Wärme-Atmen. An den Oberarmen wird in gleicher Weise wie an den Unterarmen das Wärme-Atmen durchgeführt (Abb. 7). Ab Krabbelalter berühren wir jeweils getrennt am rechten und am linken Arm. 

 

Abb. 6: Wärme-Atmen am Unterarm. © Anette Beisswenger

 

Abb. 7: Wärme-Atmen am Oberarm. © Anette Beisswenger


5. Bauch

Der Bauch wird in Rückenlage behandelt, wobei die rechte Hand an den unteren Rücken des Kindes gelegt wird und die linke Hand liegt leicht auf dem Bauch des Kindes (Abb. 8).
Eine andere Variante, bei sehr geblähtem Bauch, ist das Wärme-Atmen in der Seitenlage des Kindes.
Bei linker Seitenlage des Kindes liegt die linke Hand auf dem unteren Rücken des Kindes, der Handballen unterhalb des Steißbeines und die Finger zeigen Richtung Kopf des Kindes. Die rechte Hand liegt auf dem Bauch des Kindes. Dann wiederum die Wärme Atmung.
Variation: Das Kind liegt bäuchlings auf dem linken Unterarm, wobei der Bauch in der geöffneten linken Hand ruht. Die rechte Hand liegt auf dem unteren Rücken des Kindes. Wärme Atmen zwischen den beiden Händen.

 

Abb. 8: Wärme-Atmen am Bauch. © Anette Beisswenger


6. Rücken

Das Kind liegt auf dem Bauch. Legen Sie beide Hände auf den Rücken des Kindes, die Finger zeigen nach oben zu seinem Kopf, die Handballen liegen ungefähr auf Höhe des Beckens. Auf der Stelle ruhend bewegen sich die Hände nur sehr zart zum Kind hin und wieder weg im Sinne des Wärme-Atmens.

 

Abb. 9: Wärme-Atmen am Rücken. © Anette Beisswenger

Was ist zu tun bei Bauchkrämpfen, Unruhe, Schlaflosigkeit?

Zu den geschilderten Grundphänomenen des Zusammenseins (Bindung) und Für-sich-seins (Exploration) des Kindes kommt nun in der Beobachtung des kindlichen Verhaltens ein entscheidendes Element hinzu: die wechselseitige Dynamik, der Rhythmus der Abwechslung zwischen den beiden Polen, das Hin- und Herschwingen in der Zeit. Hier gibt es nach aktuellen Forschungsansätzen die Notwendigkeit einer neu zu begründenden Wissenschaft der Vitalitätskräfte. Diese Kräfteverhältnisse beeinflussen die lebenslange Gesundheit und Regeneration des Menschen wesentlich. Zu unterscheiden ist dabei der physische Leib, der unmittelbar in Abbauprozesse übergeht, wenn er nicht durch die Vitalitätskräfte daran gehindert würde. Rudolf Steiner nennt diese Funktion auch Lebenskräfte oder Ätherleib (8). Welche Gesetzmäßigkeiten liegen den hier beschriebenen Kräften der Vitalität zugrunde und wie manifestieren sie sich? Was fördert oder hemmt sie?

Grundsätzlich gilt: Für Ruhe und Entspannung sorgen, sowohl räumlich wie auch durch Ihre innere Haltung. „Unpassende“ Situationen treten meist häufiger auf, z. B., wenn das Kind nicht schön ruhig auf dem Wickeltisch liegt, sondern Sie vielleicht unterwegs sind oder es mitten in der Nacht geschieht und daher erfordern solche Situationen angepasste, manchmal auch außergewöhnliche Handhabungen. Dazu gehört, dass das Wärme-Atmen auch über der Kleidung gemacht werden kann und das Kind nicht ausgezogen werden muss, damit die Behandlung wirksam ist. Das Wärme-Atmen kann das Kind z. B. bei Ihnen auf dem Schoss sitzend bekommen oder man hält es zu sich gewendet, so dass die Hände schon seinen Rücken Wärme atmend berühren können.

  • Bei Bauchkrämpfen

Das Kind braucht Ruhe und Wärme, um seine Nahrung aufnehmen und auch verdauen zu können.  Wenn es von unnötigen, ablenkenden Eindrücken umgeben ist, kann es zu Störungen im Verdauungsprozess kommen. Hat der Bauch keine Ruhe zum Verdauen, wird er zu “nervös“ und es kommt zu Bauchkrämpfen. Auch zu enge Kleidung am Bauch vermeiden. Um die Verdauungsarbeit des Kindes zu unterstützen, kann ein dünnes Wolltuch locker über die Kleidung um den Bauch gewickelt werden. Über der Kleidung oder auf der Haut die Wärme-Atmung am Bauch beginnen und ausprobieren, ob Rücken- oder Seitenlage oder bäuchlings auf dem linken Unterarm am besten ist. 

  • Bei Unruhe, Weinen

Zunächst nicht durch Animation oder Ablenkung die Unruhe verstärken, sondern beruhigende Elemente schaffen. Die Ursache der Unruhe oder des Weinens, soweit möglich, herausfinden und beheben. Das Kind in den Armen halten, ruhig mit ihm sprechen, singen, ggf. in ein Tuch einwickeln (Pucken). Noch über den Kleidern das Wärme-Atmen an Bauch und Oberarmen, aber auch an den Unterschenkeln ausüben. Wenn man eine Substanz hinzufügen möchte, kann das Rosenöl von Hauschka mit seiner harmonisierenden Wirkung empfohlen werden.

  • Schlaflosigkeit

Zunächst eine Ausgangslage schaffen, in welche Ruhe einkehren kann, auch für uns selbst.
Vielleicht frische Luft ins Zimmer lassen, danach das Licht reduzieren und schauen, ob das Kind nochmals gewickelt werden muss, ob es warme Füßchen hat. Wenn das in Ordnung ist, hilft das Wärme-Atmen an den Füßchen und Unterschenkeln und/oder Wollsöckchen anziehen. Die eigene Stimme ruhig werden lassen, ein Schlaflied singen. Die Wärme Atmung am Rücken ist sehr schlaffördernd und kann mit Verwendung von Rosenöl HAUSCHKA noch verstärkt werden.

Anmerkungen zu den Substanzen
Qualitativ gutes Oel verwenden, wenn möglich aus biologischem oder biodynamischem Anbau, z. B.

  • Mandelöl oder mildes Olivenöl.  
  • Malvenlotion WELEDA bei trockener Haut,
  • Rosenöl HAUSCHKA oder Rosen-Pflegeöl WALA bei Unruhe, Weinen, Schlaflosigkeit.

Zu empfehlen sind Produkte von WELEDA und WALA HAUSCHKA. Diese Firmen arbeiten ausschließlich mit natürlichen Rohstoffen aus biologischen bzw. biodynamischen Anbau. Die Verarbeitung der wertvollen Rohstoffe geschieht nach rhythmisierenden Prozessen.

Research news

Practiced-Based Research of Complementary and Integrative Therapies for Pain Management in Clinical Settings
This systematic review identified 23 studies (including 8464 patients) that fulfilled the quality criteria for evaluating individualized complementary and integrative pain therapies. The studies included chiropractic, acupuncture, multimodal individualized intervention/programs, physiotherapy and anthroposophic therapies. Retention rates ranges from 53% to 91%. Although all studies reported beneficial impacts on various pain outcomes, but future practice-based CAM and IM research should be more comprehensive and scientific. Results, recommendations, and the call to action are available at:
https://doi.org/10.1093/pm/pnab151