Maltherapie bei Schmerz in der Palliativmedizin

"Indem wir in künstlerischen Gestaltungen unserer Not einen Ausdruck geben, schaffen wir Orte, an denen Leiden – und Leben – unter menschlichen Bedingungen möglich ist." (1, S. 142)

Das kreative Gestalten ist jedoch nicht nur ein Ausdruck eigenen Leidens, sondern auch ein Mittel zu dessen Überwindung und eine Hilfe für den Patienten, sein seelisches Gleichgewicht wiederzuerlangen. In der kunsttherapeutischen Arbeit mit schwerst- und sterbenskranken Menschen geht es neben der Begleitung von psychischen und physiologischen Folgen der Erkrankung auch darum, einen Raum jenseits des Krankseins zu eröffnen. Hierin können sich für Menschen in palliativen Situationen Perspektiven entwickeln, eine gewisse Handlungsfähigkeit erlebt werden und sich ein Gefühl von Autonomie einstellen.

Schmerz bedeutet ein zu tiefes Eindringen des Empfindungsleibes in den physischen Leib. Die Maltherapie wirkt daran mit, dass die Gesetze des Empfindungsleibes wieder stärker die ätherischen Prozesse ergreifen und durchdringen und damit die physische Gebundenheit loslösen. Durch Schmerzen verengt sich der Wahrnehmungsbereich des Patienten sehr. Durch das therapeutische Malen kann das Wahrnehmungsfenster des Patienten wieder erweitert und ein neuer Umgang mit dem Schmerz gefunden werden, in dem die inneren Ressourcen für die Schmerzbeeinflussung und -bearbeitung auf leiblicher, seelischer und geistiger Ebene miteinbezogen werden. 

Maltherapeutische Ziele sind: Zugang und Förderung der Ausdrucksfähigkeit von Emotionen, Bedürfnissen und Erlebnissen; Verbesserung der Entspannungsfähigkeit und Defokussierung des Schmerzerlebens; Lösen von Blockaden physischer und psychischer Art; „seelisches Atmen“; Interesse und Begeisterung wecken; Ressourcenaktivierung, Krankheitsverarbeitung, Sinnfindung und nicht zuletzt Förderung der Selbstregulation.

Therapeutische Empfehlungen

An erster Stelle steht der Beziehungsaufbau. Nach dem Erstkontakt klärt sich, ob der Patient bereit ist, sich auf die Maltherapie einzulassen und wenn ja, welche Kräfte ihm zur Verfügung stehen, d. h. er in die Maltherapiegruppe kommen kann oder am Bett gearbeitet wird – aktiv oder ggf. rezeptiv.
Dabei hat sich vor allem die Aquarell Nass-in-Nasstechnik bewährt, die insbesondere lösende Prozesse im Sinne der Ausatmung und Entspannung fördert.

  • Farbaufhellungen: aus der Schwere in die Leichte sowie aus der Enge in die Weite, z. B. mit der Farbe Blau (2). Es kann auch die aktuelle Farbe und Qualität des ersten freien Patientenbildes aufgegriffen und Schritt für Schritt verwandelt und harmonisiert werden.

  •  Im Weiteren können Farbverbindungen/-übergänge geübt werden („seelisches Atmen“). 

  • Malerische Atemübung nach Dr. Margarethe Hauschka (3).

  • Interesse und Begeisterung kann über Lieblingsthemen geweckt werden: stabilisierend wirkende innere Bilder von Erinnerungen oder Erlebnissen malen.

  • Dynamisches Formenzeichnen (nach Elke Frieling), um eine fließende Bewegung, rhythmische Atmung sowie ein harmonisches Wechselspiel zwischen Binden und Lösen, An- und Entspannung anzuregen sowie zur Harmonisierung des Schlaf-Wachrhythmus, der oftmals bei Schmerzen gestört ist. Die Bewegungen und die Tätigkeiten der Seele benötigen das Strömen der Bildekräfte des Ätherleibes, um wirksam werden zu können.

  •  Märchen: Sie zeigen Wege aus ausweglosen Situationen und schenken Vertrauen. Tod und Leid sind oft Übergangs- oder Durchgangssituationen zu einem anderen, neuen Leben (Sinnhaftigkeit). Sie können etwas in dem Zuhörenden bewegen und in Bewegung bringen.

Bei dem einen Patienten kann die Defokussierung des Schmerzerlebens im Vordergrund stehen sowie eine grundsätzliche Weitung der Seele, des inneren Raumes. Bei anderen Patienten kann es hingegen nötig sein, zuerst eine sichere Leibverbindung zu schaffen – z. B. bei Patienten mit starken Ängsten, die einen sicheren Halt benötigen –, da sie Angst haben, sich bei zu stark empfundener Lösung zu verlieren. Hier hat sich folgende Formenzeichenübung als sehr hilfreich erwiesen:

  • "Lotuslemniskate": Schutzraumübung, Hüllenbildung, Selbstfürsorge: der innere Raum kann erkundet, belebt, erwärmt und geweitet werden und schließlich als eigener Raum zurückgewonnen werden. Der in den Umkreis drängenden Seele wird zur Umkehr, zur Zentrierung verholfen. Im nächsten Schritt kann diese Geste vom Patienten in ein eigenes gemaltes Bild übertragen werden.

Abb. 1: Lotuslemniskate. © Astrid Didwiszus

  •  An dieser Stelle wäre auch – für mobile Patienten – das Plastizieren indiziert.

  • Bei sehr geschwächten Patienten, die unter starken Schmerzen leiden, wäre Musiktherapie der Maltherapie vorziehen, es sei denn, die Patienten wünschen zu Malen.

  • Hier können sogenannte Bilddiktate zur Anwendung kommen, das heisst, das innere Bild des Patienten wird von der Therapeutin umgesetzt oder auch das Formenzeichnen ausgeführt und vom Patienten rezeptiv wahrgenommen.

  • Auch können geführte Bildbetrachtungen die Sinneswahrnehmung und das Empfinden stimulieren und die Vorstellungskraft anregen und so schmerzlindernd wirken.

„An einem grauen Morgen, an dem es mir sehr schlecht ging, nahm das Bild dann Gestalt an. Auf dem Blatt fing es – wie von einer anderen Hand dazu gebracht – zu leuchten an. Das war für mich wie ein Wunder, so wie jede Schöpfung ein einzigartiges Wunder ist.“ (4)

1 Sinapius P zitiert in: Gruber H, Reichelt S (Hrsg.) Kunsttherapie in der Palliativmedizin. Berlin: EB Verlag; 2016.

2 Pütz RM. Kunsttherapie – eine Alternative zur Regeneration des Menschen. Band I. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag; 1981.

3 Hauschka M. Eine malerische Atemübung. Sonderdruck aus dem «Staedtler-Brief» Nr. 16. Nürnberg: J. S. Staedtler (ohne Datum).

4 Meves C zitiert in: Sinapius P (Hrsg.) So möchte ich sein – Krankheitsbewältigung bei Krebs – Bilder aus der Kunsttherapie. Köln: Claus Richter Verlag; 2009.