Seelsorge für Schmerzpatienten in der Palliativmedizin

Schmerz ist ein vielschichtiges und sehr persönliches Thema und gehört doch zur allgemein menschlichen Erfahrung. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte, wie in verschiedenen Lebensaltern und -situationen Schmerzendes erlebt wird – oder von innen heraus mit Schmerz auf diese geantwortet hat. Doch immer wieder neu können wir auch einen Umgang damit finden.

In der Begleitung eines Schmerzpatienten ist viel Behutsamkeit gefordert, um ihm die Entscheidungsfreiheit zu gewähren, wie viel vertragen werden kann und wo für ihn eine Grenze erreicht ist. Denn der Schmerz führt zu Grenzerfahrungen. Wollen wir uns ihm stellen, ist es wichtig, dass dem Patienten die Angst genommen wird, unerträgliche Qualen aushalten zu müssen. Heute sind Schmerzbehandlungen ohne Bewusstseinstrübung möglich. Ebenso müssen Schmerzen keine Bedrohung für die Sterbephase darstellen, was oft befürchtet wird. In der Begleitung geht es darum, so gut als möglich den Standpunkt des Leidenden einzunehmen und mitzufühlen, wie er sich positionieren will in dieser Grenzerfahrung. 

Wenn also ein Seelsorger hinzu gerufen wird, ist er vor allem ein Wegbegleiter. Schmerzen, Sorgen und Ängste des Leidenden ernst nehmen und ihn vor allem nicht allein zu lassen, wird sein Ziel sein. Die Erfahrung lehrt, dass manchmal schon ein waches, warmes Zuhören und Mitfühlen Linderung schafft. Dabei kann der Schmerz ins Wort gebracht werden, im besten Sinne mitgeteilt und gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden. Immer aber wird es der Patient sein, der die weitere Richtung vorgibt, in die eventuell gemeinsam geblickt werden soll.

Körperlicher, seelischer und geistiger Schmerz 

Oft taucht in diesem Prozess die Frage nach dem Sinn des Schmerzes auf. Manchmal ahnt man, dass er eine Botschaft in sich birgt und es bereits großen Mutes und Kraft bedarf, nicht einfach aufzugeben, sondern darauf zu vertrauen, dass einem eine Antwort kommen wird.

Wir können dem Schmerz auf allen Ebenen begegnen: körperlich, seelisch und geistig. Wo er auftritt, ist eine Ganzheit, eine sinnvolle Ordnung gestört. Sei es, dass ich mich physisch verletze, dass ich eine Trennung von einem geliebten Menschen erlebe, oder dass ich an dem Misslingen einer Lebensaufgabe leide. Es sind drei Türen, durch die der Schmerz in das Leben einzudringen vermag und partiell ein überwaches Bewusstsein hervorruft.

Von Geburt an sind viele Entwicklungsschritte im Leben von Schmerz begleitet. So kann man sich hier die Frage stellen, was ihm entrungen werden will. Leiblich kann das eine Konfrontation mit mir selbst und im besten Fall – im Beherrschen oder Überwinden – eine Steigerung meiner eigenen Kräfte zur Folge haben. Seelischem Schmerz kann entrungen werden, immer selbstloser lieben zu lernen. Im Geistigen empfundener Schmerz kann letztlich zu einer ganz persönlichen Erkenntnis oder Wahrheit führen.

Menschen haben immer wieder empfunden, wie der Schmerz ihnen auch zum Wegweiser, zum Geburts- und Entwicklungshelfer hin zu Zielen wurde, die sie sich dadurch selbst neu geben haben. Zum Beispiel schrieb Adalbert Stifter im Erleben seiner ihn immer wieder heimsuchenden Depressionen (an Gustav Heckenast): „Ich gebe den Schmerz nicht her, weil ich sonst auch das Göttliche hergeben müsste.“ Zunächst wirft uns jeder Schmerz auf uns selbst zurück und isoliert uns. Doch wo ihn jemand bewusst zu ertragen vermag, kann er mitfühlender werden, sogar gemeinschaftsbildender und offener. Das meinte wohl Stifter mit seiner Bezeichnung des Göttlichen.

Schmerz aus christlicher Sicht

In allen Religionen spielt der Umgang mit dem Schmerz eine Rolle. So blicken wir aus christlicher Sicht auf den, der als Sohn Gottes in seiner Inkarnation den Schmerz nicht gemieden hat und als Menschenbruder einen leidvollen Tod bejahte und durchlitt, um mit allen Erfahrungen wirklich Mensch zu werden und aus Menschenkräften heraus die Erlösung zu erringen. Grundsätzlich kann aus dieser Sicht seitdem in allem, was uns auf Erden begegnet – sogar in Schmerz und Tod – nach Bedeutung gesucht und die Frage nach dem Sinn gestellt und positiv beantwortet werden. Allein das Vertrauen darauf, vielleicht in der Zukunft diesen Sinn begreifen zu können, mag Trost spenden. Der Theologe Friedrich Rittelmeyer, der weite Strecken seines Lebens Schmerzen auszuhalten hatte, schreibt: „Was uns das Leiden bringen kann, ist immer mehr, als was uns das Leiden nehmen kann. Die hohe Kunst ist, sich so zum Leiden zu stellen, dass es uns den größten Segen bringt, der nur in ihm verborgen ist.“ (1) Dass hier ein Kenner des Leides von „hoher Kunst“ spricht, weist auf einen langen Übungsweg hin, den es bis dahin zu beschreiten gilt.

Anders, aber ähnlich selbst errungen, fasst der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl ein Wort Nietzsches zusammen und wirft ein Licht auf die Tatsache, dass der Umgang des Einzelnen mit Leid und Schmerz sehr individuell ist, indem er formuliert: „Wer ein Warum zu leben hat, verträgt fast jedes Wie“ (2). Auch hier gehört zu einem „Wie“ des Ertragen-Könnens, dass man Schmerzen als Weckrufe zum Wesentlichen, zu einem „Warum“ erlebt. Denn dann kann das Leid empfunden werden als etwas, was zu größeren Fragen und Sinnzusammenhängen des Lebens führt, die noch gar nicht im eigenen Horizont lagen.

Als ein Gebet bringt Joseph von Eichendorff, Lyriker und Schriftsteller, dieses Ringen mit dem Schmerz in Worte und mag manch anderem Beladenen damit aus dem Herzen sprechen (3, S. 274):

„Was ich wollte, liegt zerschlagen,
Herr, ich lasse ja das Klagen,
Und das Herz ist still.
Nun aber gib auch Kraft, zu tragen, 
Was ich NICHT will.“

1 Rittelmeyer F. Menschen untereinander, Menschen füreinander. Stuttgart: Verlag Urachhaus; 1957.

2 Frankl V. Handbuch der Neurosenlehre und Psychotherapie, Band 4. Urban & Schwarzenberg; 1957.

3 von Eichendorff J: Werke. Bd. 1. München: Winkler Verlag 1970.