Heileurythmie bei Cancer Related Fatigue

Die Fatigue beginnt oft schleichend, manchmal wird jedoch auch schlagartig empfunden: „die Luft ist raus“. Der Körper wird als schwerer Ballast erlebt, weil die Lebenskräfte nicht mehr in die Aufrechte und Leichte führen. Die Auftriebs-, Licht- und Wärmekräfte werden schwach, die Einatmung wird dominanter gegenüber der Ausatmung. Die Wirbelsäule wird durch die Schwerkraft nach vorne gezogen und beeinflusst das Gangbild, die Füße schlafen oft ein, werden kalt, die Tragfähigkeit der Gliedmaßen schwindet. Die Verankerung der Seele im Leib wird als so fragil und dünn erlebt, dass „der Faden zu reißen“ droht. Das Vertrauen in sich selbst schwindet, weil Selbstgefühl und Selbstwahrnehmung sich kaum noch auf den Leib abstützen können. Die Seele kann in dieser Situation den Bezug zum Sinn des Lebens, zum eigenen Selbst, verlieren.

Die Ich-geführten heileurythmischen Bewegungen lösen die bedrohlichen, lähmenden, kräftezehrenden Einwirkungen der Krebserkrankung und der damit verbundenen belastenden Umstände auf, indem das Ich sich in diesen Bewegungen aufbauende und stärkende Ausdrucksmöglichkeiten erschließt (1). Es ist wie eine innere Wende. So kommen Eindruck und Ausdruck durch und in der Bewegung wieder in ein rhythmisch schwingendes Gleichgewicht. Darin kann die innere Aufrichtekraft wiedergefunden und Selbstwahrnehmung, Selbstgefühl und Selbstvertrauen gestärkt werden.

In der Heileurythmie gilt es hier zunächst, die Lebenskräfte anzuregen und in Fluss zu bringen, dem Ätherleib „Nahrung“ zu geben und die Auftriebskräfte zu verstärken. Sie will „diesen Ätherleib zu einem brauchbaren Patron machen“ (2, S. 74) und in diesem Zusammenhang besonders die Wärmekräfte unterstützen. Dazu wird die Wärme zunächst in den Füßen veranlagt und zum Erleben gebracht. So wird der Boden geschaffen, die Polaritäten von oberem und unterem Menschen in der Mitte wieder zu verbinden.

Therapeutische Empfehlungen

  • Das M mit den Füßen
    Um die Wärme wieder zu veranlagen und die Atmungsfähigkeit anzuregen, eignet sich insbesondere das M mit den Füßen, evtl. mit Unterstützung einer Wärmflasche, auf der die Bewegung ausgeführt werden kann.

  • O – E – M – L – Ei(I) – B – D
    Eine Art Urbild für die heileurythmische Arbeit in der Onkologie, insbesondere auch mit Fatigue-Patienten, ist die „Wärme-“ oder „Licht-Reihe“ O – E – M – L – Ei(I) – B – D (3). Sie birgt wesentliche Grundelemente der Eurythmie, wie die Polaritäten in den drei Dimensionen des Raumes als auch die sie verbindenden Bewegungsmöglichkeiten, die dem seelischen Erleben wieder Räume öffnen können. Diese Reihe ist kein starr zu exerzierendes Therapieschema, sondern regt an, kreativ und fantasievoll ihre Grundelemente mit dem Patienten individuell und problemorientiert zu erarbeiten.

  • Ballen und Lösen
    Durch Ballen und Lösen wird die Lebendigkeit im Bereich des rhythmischen Organismus wieder erschlossen. Dies kann auch im Schwingen zwischen den Formen „ Das Äußere hat gesiegt“ und „Das Innere hat gesiegt“ oder mit Hilfe von Übungen mit der Kupferkugel vertieft werden.

  • Heileurythmische Laute
    Das B wirkt anregend auf die Tätigkeit des Astralleibs in der Nierenregion und verbindet diesen in harmonischer Weise mit dem Ätherleib.
    Dies kann durch R und S intensiviert werden. Während das R den Astralleib anregt, befeuert das S die Ich-Organisation.
    Das ‚quellende‘ L wirkt stärkend auf den Ätherleib. Da O eröffnet der gestauten Seele wieder einen Raum.
    Mit dem E wird die Ich-Organisation wieder im Ätherleib verankert (O und E = Umkreis und Mittelpunkt). Das O unterstützt die aufbauenden und gestaltenden Kräfte der Leber, das E die ausscheidenden und abbauenden Kräfte der Galle. Das rhythmische Gestalten der Laute hilft, seelische Leichte, ja Humor und Freude (wieder) zu finden und erschließt den Zugang zu den Gestaltungskräften.
    Das C erschließt Auftrieb und Leichte und kann die lähmende Wirkung der körperlichen Schwere überwinden helfen. Gestalten von Farben in den Lautbewegungen regt die Lebenskräfte in besonderer Weise an.

  • Eurythmische Konzentrationsübungen helfen, sich wieder als „ganzer Mensch“ zu erleben.

  • Tonheileurythmie
    Auch die Tonheileurythmie unterstützt das harmonische Zusammenklingen der Wesensglieder und kann die Freundschaft zwischen ihnen beleben. Die tragende Wirkung der Musik hilft, die Schwere des Leibes in die Leichte zu führen und zu gestalten, und unter Umständen die eigene Lebensmelodie wiederzufinden. In der Tonhöhe von oben absteigend bis zum Grundton finden Ich und Seele wieder zueinander. Zwischen Dur und Moll lernt die Seele tiefer zu atmen und ihren inneren Raum neu zu empfinden.