Anthroposophische Pflege des Frühgeborenen

Was kann der pflegerische Auftrag bei der Versorgung eines zu früh geborenen Menschen und seiner Familie sein?

Bei der Geburt eines Kindes kommen neue Herausforderungen auf die Eltern zu: Verantwortung für einen kleinen Menschen zu tragen, ihn mit Nahrung, Wärme und Liebe zu versorgen. Selbst bei der Geburt eines reifen gesunden Neugeborenen können Sorgen und Unsicherheiten auftreten. Kommt allerdings ein krankes oder frühgeborenes Kind auf die Welt, so ist dies für die Eltern oft eine bedrückende Situation. Sorgen um die Gesundheit des Babys, Trauer um den frühen Verlust des Babys aus dem Mutterleib, eventuell ein Trauma aufgrund eines überwältigenden Geburtserlebnisses müssen von der Familie überwunden werden. Fragen, wie es jetzt weitergeht oder wie lange das Kind medizinische Unterstützung braucht, beschäftigen die Eltern. Insbesondere die Mütter fühlen sich oft, als hätten sie in ihrer Mutterrolle versagt, da sie das Kind nicht bis zum Schluss austragen konnten. Die Frage, warum ein Kind zu früh auf die Welt gekommen ist, bleibt für Eltern häufig über lange Zeit ein Thema.

In der Pflege begegnen wir ähnlichen Fragen, wenn wir mit der Individualität eines zu früh geborenen Kindes in Kontakt kommen. Wir begegnen Neugeborenen, die sofort selbstständig atmen und trinken wollen, interessiert und neugierig die Welt beobachten und eindeutig zeigen, was ihnen gefällt und was nicht. Dann gibt es Neugeborene, denen das Atmen schwerfällt. Sie machen oft Pausen und würden nicht weiteratmen, wenn wir sie nicht durch Stimulation daran erinnern würden. Die neue Umgebung stellt eine Überforderung für sie dar und sie verbleiben in einer Welt, zu der wir scheinbar keinen Zugang haben. Dies weist bereits darauf hin, dass die Tatsache, ob trotz Frühgeburt eine Bereitschaft zum Übergang ins extrauterine Leben da war oder nicht, den weiteren Entwicklungsverlauf beeinflussen kann. Daher fragen wir uns in der Frühgeborenenpflege: Wollte das Kind schon kommen? Hat das Kind die Geburt ausgelöst oder wurde die Geburt aufgrund einer Problematik der Mutter eingeleitet? Was hat das Kind während der Schwangerschaft erlebt? In welcher familiären Umgebung ist es während der Schwangerschaft gediehen? Durch den oft langen Aufenthalt auf der neonatologischen Station und den engen Kontakt zur Familie, werden wir in der Pflege häufig auf Themen aufmerksam, die vorgeburtlich prägend waren: durch Schwierigkeiten beim Frühgeborenen oder dem nicht ganz einfachen Bindungsaufbau zwischen Eltern und Kind oder beim Stillen. Wollen wir also das Frühgeborene und seine Familie ganzheitlich unterstützen – d.h., sie besser verstehen und passende pflegerische Maßnahmen anbieten –, müssen wir auf den zeitlichen Bogen von der vorgeburtlichen Zeit ins Hier und Jetzt schauen.

Des Weiteren darf uns die Frage bewegen, wie wir das Kind auf seinem Weg aus der Sphäre des intrauterinen, schwerelosen Lebens auf die extrauterine Erde hinbegleiten. Wir können es einladen einen Weg zu finden von dem Ort, an dem es jetzt eigentlich noch wäre (wenn es nicht zur Frühgeburt gekommen wäre), hin zur Erde. Wir können diese Einladung beispielsweise so aussprechen: „Schaue einmal, etwas von dem, wo Du herkommst gibt es hier auch“ – und indem wir in unserer Pflege die Sinne des Kindes entsprechend seines Reifealters ansprechen.

Eine Annäherung an solch eine Sinnespflege kann durch die Betrachtung des embryonalen Hüllenorgans Amnion möglich werden. Dieses Hüllenorgan hat das Kind zu früh verloren. Wir können von der Bedeutung dieses Organs ausgehend auf die Bedürfnisse des frühgeborenen Kindes blicken und eine Pflegekompetenz entwickeln, die nicht nur das Hier und Jetzt im Blick behält, sondern auch den Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft des Frühgeborenen in seiner Familie schlägt.

Amnion – Entwicklung der pflegerischen Geste des Hüllens

Das Amnion bildet die Urhülle des Kindes; es ist das Hüllenorgan schlechthin. Es bildet mit seiner Haut eine Abgrenzung zur Umwelt, die jedoch durchscheinend für sanfte erste Eindrücke von außen ist, wie ein erstes kleines eigenes Himmelsgewölbe. Intrauterin ermöglicht das Amnion mit seiner Flüssigkeit die Bereitstellung eines meerähnlichen Raumes für das Kind. In dieser Schwerelosigkeit kann sich das noch Ungeborene entwickeln. Das Amnion ermöglicht Vitalität, Bewegung und Wachstum und ist ein Zentralorgan der kindlichen Lebensorganisation. Das Nerven-Sinnes-System kann in dieser Hülle ausreifen und ist vor zu starken Reizen geschützt.

Wird diese Hülle zu früh verloren, wirkt auf den noch nicht vollständig entwickelten Körper des Frühgeborenen vorzeitig die extrauterine Schwerkraft ein. Für Pflegende ist eine der wichtigsten Aufgaben, dem Kind den weiten Raum der Welt –  in dem es sich so unmittelbar befindet – zu einem überschaubaren, begrenzten und seinem Entwicklungsstand entsprechenden sicheren Ort zu gestalten. Dies kann insbesondere durch die pflegerische Geste des Hüllens geschehen. Diese Geste ist wichtig für das Kind, wie auch für die plötzlich zu Vater und Mutter gewordenen Eltern, die häufig in dieser Situation verunsichert sind und selbst einen geschützten, liebevollen Ort brauchen, um mit ihrem Kind im Kontakt zu sein und ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Die Geste des Hüllens zieht sich durch all unsere pflegerischen Handlungen, insbesondere kommt sie bei den Rhythmischen Einreibungen, dem „Pucken“ und dem Baden zum Tragen.

Das Baden des Frühgeborenen

Beim Baden eines zu früh geborenen Kindes kann sich ein heilsamer Raum öffnen. Neben der Sinnespflege, der Reinigung und der beruhigenden Wirkung, kann das Baden ein Ritual der Heilung für einen zu frühen Verlust des Amnions werden. Im Bad bekommt das Baby nochmals die Gelegenheit, wie in den Bauch der Mutter hinein zu spüren, die Leichte, die umgebende Wärme und das Getragensein zu erleben. Als Pflegende können wir für die Mutter und das Kind beim Baden eine Möglichkeit schaffen, um an die Schwangerschaft anzuknüpfen. Durch Aussagen wie: „So ähnlich kann es sich auch im Bauch angefühlt haben“ oder: „Jetzt kannst du dich bewegen wie im Bauch“,  kann man die Gelegenheit für ein Gespräch über die Schwangerschaft bieten. Da das Baby diesen Raum des Badens sehr genießt, ist das Herauskommen aus dem Wasser in die Welt der Schwerkraft und Kühle häufig ein unangenehmer Schritt. Wir können diesen Schritt bewusst begleiten, wie bei der Geburt, wo das Kind seinen bisher sicheren Ort in eine Welt verlässt, in der völlig andere Bedingungen herrschen. Wir nehmen das Kind ruhig aus dem Wasser, kündigen das an und sagen ihm, dass es jetzt sicher in ein warmes Handtuch gewickelt wird und wir uns freuen, dass es da ist. Wir geben das Kind bewusst in die Schwerkraft und in die Welt, die wir jedoch so gestalten, dass es sich darin sicher fühlt: durch Wärme, seelischer und körperlicher Hülle.

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Abb. 1: Beim Baden wird mit dem Waschlappen eine Hülle gegeben. © Natalie Hurst

Die Rhythmische Einreibung beim Frühgeborenen

Rhythmische Einreibung bedeutet, wir streichen das Kind in einem Rhythmus von Verdichten und Lösen ein: Das Verdichten zeigt sich im zunehmenden Kontakt und in zunehmender Berührungsintensität. Die Verdichtung zeigt sich gestisch wach und wahrnehmend und warm und voll. Das Lösen bei der Rhythmischen Einreibung zeigt sich gestisch im abnehmenden Kontakt und abnehmender Berührungsintensität, somit wird das Gewebe gelöst. Durch diesen Rhythmus zwischen Verdichten und Lösen regen wir die Lebenskräfte an und ein Wärmeimpuls entsteht. Das Frühgeborene kann innerlich zur Ruhe kommen.

Vor Beginn der Einreibung ist es von Bedeutung, einen sicheren, hüllenden Ort zu gestalten, in dem sich das Kind sicher fühlen kann, um die rhythmische Qualität von Verdichten und Lösen zu erfahren, die seine Lebenskräfte anregt und eine ähnliche Empfindung zum früheren, intrauterinen Auftriebsraum hervorrufen kann. Zu einem sicheren Raum gehören der Einreibende und die Umgebungsgestaltung. Der Einreibende nimmt sich kurz Zeit, um einen guten Kontakt zur Erde zu haben und ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen, um selbst ruhig und langsam zu werden. Die Umgebung ist so zu gestalten, dass das Kind sein Gewicht an die Unterlage abgeben kann, da es sonst während der Einreibung damit beschäftigt wäre, sich auf der Unterlage zu regulieren. Es wird eine Begrenzung um das Kind geschaffen, in der es Arme und Beine ablegen kann und zugedeckt ist. Erst dann beginnen wir die Einreibung mit einer hüllenden Geste: die Hände hüllen den Kopf mit etwas Abstand zur Haut. In den ersten Lebenstagen ist es sinnvoll, bei der Einreibung am Platz zu bleiben. Wir verdichten und lösen am Platz, am Brustkorb, dem Abdomen, den Beinen und den Füßen. Erst wenn das Kind sicherer wird und nicht mehr bei jeder Bewegung zusammenzuckt und sich versucht zu regulieren, ist es sinnvoll, in die Bewegung zu gehen. Bei den älteren Frühgeborenen, die bereit werden, um sich zu schauen, kann die Bewegung vor allem im Gedanken der Sinnespflege einen Beitrag für die weitere Entwicklung leisten. Hier ist auch die Anleitung der Eltern wichtig, die die Einreibungen zu Hause fortführen können, um das Kind in seiner Entwicklung zu fördern und durch einen regelmäßigen Hautkontakt und eine Interaktion die Bindung zu dem Kind zu stärken.  

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Abb. 2: Hände bilden eine hüllende Geste. © Natalie Hurst


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Abb. 3: Hände bilden eine hüllende Geste. © Natalie Hurst


Die Hände beginnen mit der hüllenden Geste. Sie ist der Einstieg, die feste Konstante bei den Einreibungen hier und zugleich eine innige Begegnung. Sie dient dazu, den kleinen Menschen mit allem, was er gerade mitbringt, wahrzunehmen. Wenn wir in diesem Moment verharren und noch nicht ins Tun zu gehen, ermöglicht das uns genau wahrzunehmen, unter welchem Aspekt die Einreibung stehen wird. Das erste Bild zeigt ein Frühgeborenes, das die Einreibung offensichtlich erkennt und es spiegelt uns Neugierde und Freude auf Kontakt wider. Hier kann die Einreibung mehr unter dem Aspekt der Sinnespflege, des Entdecken der Welt und der Entwicklung stehen. Bei dem Kind im zweiten Bild können Erschöpfung, Überforderung und ein Körper, der sich noch kaum der Schwerkraft entheben kann, wahrgenommen werden. Hier wird die Einreibung eher unter dem Aspekt des Hüllens, Halt geben und willkommen heißen stehen. Im Folgenden werden diese zwei Einreibungen dargestellt.

1. Einreibung unter dem Aspekt der Sinnespflege

Die Stimulation der Sinne während der Geburt ist so tief und einzigartig, dass wir bei Kindern, bei denen es während der Geburt in irgendeiner Weise Interventionen gab, Folgen für die Sinnesentwicklung erleben. Am besten ist dies bei Kindern untersucht, die durch einen Kaiserschnitt zur Welt kamen. Einreibungen sprechen in besonderer Weise die Sinne an und können eine gesunde Sinnesentwicklung unterstützen.

Der Tastsinn

Bei der Einreibung wird insbesondere der Tastsinn angesprochen. Durch den Tastsinn erfahren wir auch die Grenzen unseres Körpers und erhalten so eine Vorstellung unseres physischen Leibes. Das neugeborene Kind hat eine der essenziellsten Tasterfahrungen gemacht, nämlich die Geburt selbst. Beim Durchgehen durch den engen Geburtskanal hat das Kind seinen physischen Leib deutlich wahrgenommen sowie sein Verhältnis zum Geburtskanal der Mutter. Es erhält also eine deutliche taktile Stimulation, und dadurch das deutliches Erleben: „Ich bin“. Wird ein Kind per Kaiserschnitt entbunden, fehlt diese Stimulation des Tastsinns, das Erleben seiner eigenen Person unter der Geburt: „Bin ich schon da?“ Bei der Einreibung können wir durch die taktile Stimulation den physischen Leib wahrnehmbar machen, das Kind kann spüren: «Das bin ich und ich werde gehalten». Dies stärkt das Urvertrauen.

Der Bewegungssinn

Der nächste Sinn, der beim Durchgehen durch den Geburtskanal deutlich angesprochen wird, ist der Bewegungssinn: Wie kann ich mich im Verhältnis zum Geburtskanal bewegen, bringen mich meine Bewegungen und die Kontraktionen der Gebärmutter vorwärts. Hinter einer Bewegung steht ein Ziel, ein Gedanke: Ich bewege mich, um in einer bestimmten Richtung voranzukommen, in diesem Fall, um geboren zu werden. Der Bewegungssinn nimmt diese Körperbewegungen wahr, gibt eine Information über die Lage im Raum. Geht es voran, erfahre ich Bestätigung, das was ich tue ist wirksam. Gibt es Schwierigkeiten bei der Fortbewegung durch den Geburtskanal, können Gefühle der Frustration entstehen. Das Kind hat sich zum Beispiel verkeilt, oder die Lage des Kopfes ist noch nicht richtig eingestellt und die Wehen drücken es gegen das Becken. Bei einem Kaiserschnitt kann es die schnellen Bewegungen, die mit ihm auf dem Weg nach „draußen“ gemacht werden, nicht nachvollziehen.

Bei unserer Einreibung lassen wir die Möglichkeit für Bewegung offen. Das Kind darf sich mitbewegen und erfährt, dass seine Bewegungen wirksam sind. Durch unsere langsamen Bewegungen beim Umlagern, lassen wir dem Kind Zeit, durch seinen Bewegungssinn nachzuvollziehen, was gerade geschieht.
Es kann mit dem Rücken begonnen werden; das Kind ist präsent und geht mit dem Rückenabstrich mit. Flächiges Verdichten am oberen Rücken, Lösen Richtung Kreuzbein, flächig den ganzen Rücken wahrnehmend. Eigenbewegungen des Kindes ermöglichen; die Zentrierung auf die Körpermitte ermöglicht dem Kind ein besseres Saugen.

[Platzhalter Video Einreibung Frühchen: 4. Video auf der Seite https://www.anthromedics.org/PRA-0861-DE]

Video: Rhythmische Einreibung bei Frühgeborenem © Natalie Hurst

Nach dem Rücken folgt die Brusteinreibung. Wir verdichten und lösen am Platz mit den umhüllten Armen. Die Vorderseite ist empfindsamer, weicher und verletzlicher als der Rücken, dort in die Bewegung zu gehen, erfordert zuvor eine Einstimmung und ist bei sehr schreckhaften, unruhigen Kindern oft zu überfordernd.
Ist das Kind durch das Verdichten und Lösen am Platz zur Ruhe gekommen und signalisiert es uns: «Ich bin bereit für Neues», können die Arme ausgestrichen werden. Verdichten in der Gesamtheit des Oberarms und lösendes Ausstreichen bis zu den Fingern. Ein Kind, das diese rhythmischen Bewegungen kennt, kann sich hingeben und mit seinem inneren Ohr entspannt lauschen.
Die Einreibung des Bauches erfolgt wieder am Platz mit Verdichten und Lösen. Dabei liegt eine Hand unter dem Rücken des Kindes und die andere Hand auf dem Bauch. Geübte Einreiber können mit der wandernden Aufmerksamkeit das Colon entlang gehen: verdichten am aufsteigenden Colon, lösen am quer- und absteigenden Colon.
Bei den Beinen erfolgt das gleiche Vorgehen wie an Arm und Brustkorb. Verdichten und Lösen am Platz mit einer umfassenden Geste, dann bei Bedarf Ausstreichen der Beine. Verdichten am Oberschenkel, lösen Richtung Unterschenkel und Füße.
Zum Schluss wird das Kind am Kopf und an den Füßen gehalten. Wir nehmen noch einmal das Kind als Ganzes wahr.

2. Einreibung unter dem Aspekt der Hülle und Stabilität

Diese Einreibung erfolgt unter dem Aspekt der Stabilisierung. Sie ist geeignet für Kinder, die durch die Geburt überwältigt wurden und schockartige Symptome zeigen. Es ist der Lebenssinn, den wir hier besonders ansprechen bzw. entlasten.

Der Lebenssinn

Der Lebenssinn nimmt die vitale Verfassung des Körpers wahr, seine leibliche Gestimmtheit, ermöglicht also die Wahrnehmung innerhalb des Organismus. Ist alles in Ordnung, fühlen wir uns behaglich und wohl in unserer Leiblichkeit. Den Lebenssinn nehmen wir meistens erst dann wahr, wenn eine Disharmonie in Lebensvorgängen wie Atmung, Ausscheidung und Ernährung besteht, die Missempfindungen wie Mattigkeit, Übelkeit, Schmerz und Schwäche auslösen kann. Diese Empfindungen sind für ein Neugeborenes neu, wenn es keine Noxe, ausreichende Ernährung und Ruhe in der Schwangerschaft erlebt hat. Ein Frühgeborenes, das zu früh seine Organfunktionen aufnehmen muss, ist nun mit solchen leiblichen Empfindungen in mitunter schmerzhafter Weise konfrontiert. Es ist etwas zu früh in die bewusste leibliche Wahrnehmung seines Körpers gezwungen. Durch die Rhythmische Einreibung können wir eine Harmonisierung der Lebensvorgänge unterstützen, und dadurch mehr Wohlbehagen schaffen.

[Platzhalter Abb. 4] 

Abb. 4: Hüllende Geste während Einreibung bei Frühgeborenem © Natalie Hurst

Die Pflegenden verweilen in der hüllenden Geste und ermöglichen der Kontaktaufnahme. Das ruhige Wahrnehmen der Situation ist für das Kind heilsam. Wir gehen besonders langsam vor und warten bei jeder Bewegung ab, wann sich das Kind darauf eingestellt hat. Damit passen wir uns an das Tempo des Kindes an.

[Platzhalter Abb. 5]

Abb. 5: Kontaktaufnahme vor Einreibung bei Frühgeborenem © Natalie Hurst


Die Pflegenden verdichten und lösen am Platz am Brustkorb. Der Brustraum mit seiner Lunge und dem Aus- und Einatmen schafft dem Kind Verbindung mit der Welt. Bei der Einreibung können wir den Prozess durch Verdichten und Lösen unterstützen, ihn in ein Gleichgewicht bringen.

[Platzhalter Abb. 6]  

Abb. 6: Einreibung am Bauch bei Frühgeborenem © Natalie Hurst


Der Bauch wird mit Verdichten und Lösen am Platz gehalten. Im Bild öffnet das Kind das erste Mal während der Einreibung die Augen, Kräfte zur Kontaktaufnahme werden frei.

Auch die Beine werden mit Verdichten und Lösen am Platz gehalten, ebenso die beiden Füße. Die Beine sind mit ihren Bewegungen auch Ausdruck des Seelischen. Wir sind offen für die Eigenbewegungen des Kindes.

[Platzhalter Abb. 7]

Abb. 7: Halten der Füße bei Frühgeborenem © Natalie Hurst

[Platzhalter Abb. 8]

Abb. 8: Abstossen der Füße bei Frühgeborenem © Natalie Hurst

Das Kind kommt nach dem Halten der Füße mit Verdichten und Lösen am Platz in die Bewegung. Es streckt seine Beine kraftvoll, wir Pflegende gehen bewundernd mit der Bewegung mit. Auch zum Ende der Geburt stößt sich das Kind mit den Beinen ab. Das Kind in Abbildung 9 wurde ohne Eigenaktivität ins Leben geholt, so dass wir die nun gezielte Eigenaktivität seiner Beine mit Freude unterstützen: „Schau wie kräftig du bist und wie gut du dich abstoßen kannst!“

[Platzhalter Abb. 9]

Abb. 9: Kontakt zwischen Kopf und Füßen bei Frühgeborenem © Natalie Hurst

Die Körperöle in der Rhythmischen Einreibung

Die Oberfläche der Haut im Verhältnis zum Körpergewicht ist beim Frühgeborenen besonders groß. In den ersten Lebenswochen ist seine Haut relativ durchlässig, die Bildung der epidermalen Grenze, die die Haut vor insensiblen Wasserverlusten und mechanischen Einflüssen schützt, noch intensiv im Prozess. Das bedeutet, dass das Aufbringen eines Öles zugleich vor insensiblem Wasserverlust schützt, die sensible Haut pflegt und hilft, Wärme besser zu halten. Das in der Pflanze durch Sonnenwärme gebildete Öl ist stofflich gewordene Wärme, die das Öl über einen längeren Zeitraum hinweg abgeben kann. Die fetten Öle verkörpern den nährenden Aspekt des Öles. In den ersten zwei Wochen eines Frühgeborenen sollten nur Basisöle eingesetzt werden, da die Haut beigefügte ätherische Öle in hohen Konzentrationen aufnehmen kann. In der anthroposophischen Pflege sind zur Auswahl des passenden Öles nicht nur seine Inhaltsstoffe wichtig, sondern auch die Besonderheit der Ölpflanze in Bezug auf Wachstum, Fruchtbildung und Erscheinungsbild. Diese Phänomene geben Hinweise auf den individuellen Einsatz beim Kind.

1. Mandelöl

Der Mandelbaum wächst bis zu acht Meter hoch, ist kahl und frostempfindlich, hat eine graue Rinde und gehört zu den Rosengewächsen, ist also eng verwandt mit Kirsche, Pfirsich, Aprikose und der Rose. An den rosafarbenen, in den Mittelmeerländern bereits im Januar aufbrechenden Blüten mit den gelben Staubblättern, lässt sich diese Verwandtschaft erkennen. Das Öl wird aus dem Mandelsamen des harten Kerns gewonnen. Den Mandelkern umgeben mehrere schützende Hüllen, bevor der nährstoffreiche Samen freigelegt werden kann. Das Mandelöl besitzt sehr pflegende Inhaltsstoffe, es beruhigt gereizte und empfindliche Haut und unterstützt durch seinen nährenden Aspekt das Gedeihen von Neu- und Frühgeborenen. Sein Duft erinnert an Marzipan. Das Öl ist mild und warm und lässt ein Gefühl von Geborgenheit und Harmonie entstehen.

Mandelöl ist also für Kinder geeignet, die durch die frühe Geburt verletzt wirken, die sich eher sensibel, schwach und schutzbedürftig zeigen. Mandelöl

  • ist nährend,
  • vermittelt Geborgenheit, Schutz und Hülle,
  • wirkt harmonisierend und   
  • auf die Haut pflegend und reizlindernd.

2. Olivenöl

Ein Olivenbaum kann mehrere Hundert Jahre alt werden. Er vereint in sich die Urkraft der vier Elemente: Festgewurzelt steht er da und ist kaum zu zerstören, weder durch Wasser, Feuer oder Sonne – ein richtiger (Über-)Lebenskünstler. Nur Kälte hält er nicht aus. Versucht man ihn in einer Frostzone zu kultivieren, geht er ein. Zu allen Zeiten war der Oliven- oder Ölbaum für die Mittelmeervölker Sinnbild für Glück, Segen und Frieden. Er gilt als jener Baum, der die Gottesnähe und Gottes Weisheit in sich birgt, warum man ihn im Süden oft in die Nähe von Kirchen pflanzte und das Olivenöl auch für Ölungen und Salbungen verwendet. Die Pressung erfolgt aus dem Fruchtfleisch. Das Fruchtfleisch der Olive hat Wärme und Sonne über Monate gespeichert und in Öl umgewandelt.

Das Öl hat eine durchwärmende Wirkung; durch den hohen Gehalt an Ölsäure und Vitamin E ist es sehr hautpflegend und regenerierend. Der Einsatz von Olivenöl in der Neonatologie wurde mehrfach untersucht und die hautpflegenden Eigenschaften in Studien belegt. Des Weiteren hat es eine schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung durch das enthaltene Oleocanthal. Die schmerzstillende Wirkung hat sich sehr bei Einreibungen nach Beckenendlagen-, Saugglocken- oder Zangengeburten bewährt. Das Olivenöl eine stärkende Wirkung auf den Gesamtorganismus und ist

  • wärmend, schmerzstillend,
  • stärkend, inkarnierend, unterstützend in Übergangssituationen,
  • hautregenerierend, entzündungshemmend.

Wärme beim Frühgeborenen

Die Wärme ist eines der wichtigsten Aspekte in der Pflege eines Frühgeborenen: Thermoneutralpflege im Inkubator, Schutz vor insensiblen Wasserverlusten durch Anfeuchtung und Aufbringen von Öl sind in der Literatur ausreichend beschrieben. Folgend werden zusätzliche Aspekte der Wärme erläutert.  

Wärmesinn

Wärmebildung ist nicht nur ein körperlicher Prozess, Wärme entsteht auch durch die Berührung zweier oder mehrerer Menschenseelen, sogenannte Herzenswärme. Diese seelische – oder innere – Wärme spielt eine Rolle bei der körperlichen Durchwärmung bis in die Peripherie, beim Halten der Wärme und somit auch beim Gedeihen des Kindes. Durch eine von uns geschaffene Hülle, die Geborgenheit, Stabilität und Zuversicht vermittelt, kann zwischen Eltern und Kind diese Wärme entstehen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die menschliche Wärmeorganisation eine einzigartige Anpassungs- und Regulationsfähigkeit unter den warmblütigen Organismen aufweist. Der Wärmeregulation kommt in der physiologischen Selbstregulation eine führende Rolle zu. Das Ich als geistige Individualität des Menschen macht jeden Menschen zu einem Individuum mit seinen eigenen Gedanken und Lebensaufgaben. Das Ich greift über die Wärme in den Menschen ein. Bei einem neugeborenen Kind wird dieses Ich noch zu einem großen Teil durch die Eltern gehalten. Dafür müssen die Eltern sich selbst sicher fühlen und die Möglichkeit haben, beim Kind zu sein, es zu versorgen und engen Hautkontakt zu haben. So können sie die Verbindung zum kindlichen Ich und seiner Wärme optimal gestalten. Wir können bei Kindern, deren Mutter nicht genügend anwesend ist, häufig eine verminderte Durchblutung der Peripherie beobachten. Sie wirken oft leicht marmoriert und gedeihen manchmal zögerlicher.

Als Pflanze steht uns die Rose für die Stärkung einer Wärmehülle im oben genannten Sinn zur Verfügung. Die ätherische Ölmischung sollte erst zwei Wochen nach der Frühgeburt eingesetzt werden. Sie wird stark verdünnt, angelehnt an die Empfehlungen der Aromapflege für Säuglinge.

3. Rosenöl

Die Rose gilt als Sinnbild einer vollendet harmonischen Pflanze. Rosengewächse verbinden sich fest und dauerhaft mit der Erde, sie bilden holzige Wurzeln und repräsentieren so das irdisch Feste. Auf der anderen Seite bildet die Rose im Blütenbereich als Ergebnis von Wärme-Licht-Prozessen einen außergewöhnlichen Duft und zeigt ihre Verbindung zum Kosmos. Die Blüte hat die Grundform eines Fünfsterns. Das Pentagramm ist das Symbol des Mikrokosmos, wo Weltenkräfte zusammenfließen, um eine kleine, aber selbstständige und in sich geschlossene Welt entstehen zu lassen. So vermag die Rose die Hülle des sich entwickelnden kleinen Menschen zu stärken, in der er gedeihen und sich entwickeln kann. Rosenöl ist

  • hüllend, fördert das Gedeihen,
  • harmonisierend und
  • wärmend.

Es wird 1 Tropfen reines ätherisches Rosenöl in 100 ml Mandel- oder Olivenöl gemischt.

1 Evertz K, Jaus L, Linder R (Hrsg.) Lehrbuch der Pränatalen Psychologie. Heidelberg: Mattes Verlag; 2014.

2 Fingado M. Rhythmische Einreibungen. Handbuch aus der Ita Wegman Klinik. 3. Aufl. Arlesheim: Natura Verlag; 2012.

3 Heine R (Hrsg.) Anthroposophische Pflegepraxis. Grundlagen und Anregungen für alltägliches Handeln. 4. Aufl. Berlin: Salumed Verlag; 2017.

4 Layer M. Praxishandbuch Rhythmische Einreibungen nach Wegman/Hauschka. 2. Aufl. Bern: Huber Verlag; 2014.

5 Marcovich M, de de Jong TM. Frühgeborene – zu klein zum Leben? Geborgenheit und Liebe von Anfang an. München: Kösel Verlag; 2008.

6 Meissner BR. Emotionale Narben aus Schwangerschaft und Geburt auflösen. 3. Aufl. Selbstverlag; 2020.

7 Nischelwitzer A. Babyheilbad nach Brigitte Meissner - Postpartales Bonding fördern. Riga: AV Akademikerverlag; 2015.

8 Pelikan W. Heilpflanzenkunde. Bd. 1-III. 8. Aufl. Dornach: Verlag am Goetheanum; 2012.

9 Soldner G, Stellmann HM. Individuelle Pädiatrie. Leibliche, seelische und geistige Aspekte in Diagnostik und Beratung. Anthroposophisch-homöopathische Therapie. 5. Aufl. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft; 2018.

10 Soldner G, Stellmann HM. Therapiemöglichkeiten nach gestörtem Geburtsverlauf. Der Merkurstab 1998;51(3):159-164. [Crossref]

11 Wilkens J. Die Mandelmistel. Der Merkurstab 2010;63(1):29-45. [Crossref]