Palliativmedizin I Ödeme

Anthroposophische Psychotherapie

Die seelischen Beschwerden des Patienten entstehen durch körperliche Symptome – wie Angst bei Dyspnoe, Spannungsgefühl bei Aszites, Schwereempfinden und Gewahr werden der Gestaltveränderung bei Anasarka. Sie können in der Seele zu Leid, Hoffnungslosigkeit, Angst, Unruhe, aber auch zu Hass auf die Erkrankung und Verzweiflung führen. Viele Patienten ringen um eine Perspektive, fragen nach spirituellen Werten und nach geistiger Orientierung. Die gesprächstherapeutische Begleitung des Patienten bezieht sich daher auf körperliche Symptome, seelischer Beschwerden und geistige Perspektiven.

Gesprächstherapeutisches Vorgehen

Ödeme gehen mit geschwächten Lebensprozessen einher und sind mit einer Lösung des seelischen und geistigen Wesens verbunden. Oftmals wird diese veränderte Wirksamkeit als Müdigkeit und Erschöpfung wahrgenommen. Die gesprächstherapeutische Unterstützung des Patienten besteht in der Förderung innerer Aktivität und Selbstwirksamkeit. Hierzu sind die die Sechs Schritte zur Selbsterziehung von Rudolf Steiner (1, S. 299 ff) eine wesentliche psychotherapeutische Hilfestellung (2, S. 592-594):

  • Denken
    Konzentrationsübungen, Biographie: Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden lernen, Kraftquellen durch innere kontemplative Arbeit – z. B. mit geisteswissenschaftlichen Texten, Sprüchen, Märchenbildern – und Meditation.

  • Sinneswahrnehmung               
    Aufmerksamkeit in der Sinneswahrnehmung gegenüber sorgenbeladener „Gefangenschaft“ in der eigenen Innenwelt üben. Auch bei Sinnverlust kommen nicht nur innere Hilfen in Betracht, sondern auch das aktive Öffnen der Sinne für die Welt und das bewusste Aufsuchen des Schönen und Wertvollen. Sinnverlust geht häufig mit einem Verschließen der Sinne einher, es wird „dunkel“ und eine sorgenvolle Innenwelt bestimmt das Bewusstsein. Die Doppelbedeutung des Wortes Sinn hat auch eine therapeutische Dimension.

  • Wille                                
    Bewusste Handlungsentscheidungen, Tagesplanung, kleine Ziele setzen.

  • Fühlen              
    Umgang mit Angst, Sorge, Verzweiflung durch Gewinnung von tragenden Lebensüberzeugungen, Sinnbildern, meditativem Umgang mit Sprüchen, Aufgabenstellungen aus der künstlerischen Therapie, gesprächstherapeutische Unterstützung, Entwicklung und Vertiefung menschlicher Beziehungen.

  • Positivität       
    Perspektivenentwicklung in der Auseinandersetzung mit der Krankheit: Positives – z. B. in der eigenen Entwicklung, in menschlichen Beziehungen, in neuen Sichtweisen etc. – entdecken, bewusstes Erleben von Augenblicken der Freude und Dankbarkeit.

  • Unbefangenheit                         
    Achten auf das Unerwartete und Einmalige auf dem Weg durch die Erkrankung. Zukunftsaspekt der Erkrankung: Der Frage „Woher kommt die Erkrankung?“ die andere „Wohin führt und befähigt die Erkrankung?“ dazustellen lernen.
    Die Lebensorganisation steht mit den inneren Lebenskräften des Patienten in Zusammenhang. Eine der zentralen und therapeutisch wichtigen Zusammenhänge ist die Beziehung von den Lebensprozessen des Organismus zu den Denkkräften als schöpferischen Lebenskräften in der Seele. Eine Verstärkung dieser differenzierten Lebensorganisation kann durch eine belebende innere Arbeit erreicht werden. Der lautliche Zusammenhang von “Leben” und “Erleben” (in der deutschen Sprache) weist auf diese Beziehung. Hierzu eignen sich Sprüche, Meditationen und Gebete, die den Patienten aus der abstrakten Gedanken- und Informationsebene in ein vertieftes Erleben und Empfinden ihres Sinns führen. Dadurch kann sich eine angespannte, kräftezehrende Stimmung verwandeln und aufbauende Seelenkräfte zur Unterstützung der Lebensorganisation entstehen lassen.

Geeignete Meditationen

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

Rudolf Steiner (3, S.179)

 

In meinem Herzen
Strahlt die Kraft der Sonne
In meiner Seele
Wirkt die Wärme der Welt.
Ich will atmen
Die Kraft der Sonne
Ich will fühlen
Die Wärme der Welt.
Sonnenkraft erfüllt mich
Wärme der Welt durchdringt mich.

Rudolf Steiner (3, S. 85)

1 Steiner R. Die Geheimwissenschaft im Umriss. Kap. Die Erkenntnis der höheren Welten. 30. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1989.

2 Girke M. Innere Medizin. Grundlagen und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin. 2. Aufl. Berlin: Salumed Verlag; 2012.

3 Steiner R. Mantrische Sprüche. Seelenübungen II. GA 268. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1999.