Anthroposophische Psychotherapie I Dyspnoe I Palliativmedizin I

Angst vor dem Ersticken ist – neben der vor Schmerzen – die am häufigsten genannte Angst von Palliativpatienten. Dyspnoe ist meist eng verbunden mit dem Auftreten von Angstgefühlen. Im Rahmen einer multimodalen Therapie der Angst können alle Möglichkeiten der psychologischen Angstbehandlung zum Einsatz kommen und lindernd wirken. Insbesondere Entspannungsverfahren und Techniken der Atembeeinflussung haben sich bei Dyspnoe als sinnvoll erwiesen.

Therapeutisches Vorgehen

Voraussetzung für eine Psychotherapie ist ein vertrauensvolles, tragfähiges Bündnis, damit der „Blick in den Abgrund“ und das Wandern entlang dieses Abgrunds gelingen kann. Die seelische Stabilität des Therapeuten bietet dem Patienten die Möglichkeit, sich zumindest vorübergehend innerlich an ihm festzuhalten (Hilfs-Ich-Funktion).

In einem ersten Schritt lernt der Patient, dass durch seine Denk- und Urteilskraft Ängste und die damit verbundene emotionale Erregung vermindert werden können. Dies geschieht z. B. in

  • gelenkten Entspannungs- und Imaginationsübungen.

Im weiteren erübt der Patient die eigene Denkkraft in der Wirkung auf das Seelenleben zu erstarken. Hierfür stehen eine Fülle von Übungen und unterschiedliche Meditationsformen zur Verfügung, die unter therapeutischer Anleitung erfahren und vom Patienten geduldig eingeübt werden können:  

  • das anthroposophische Schulungsprogramm von Harald Haas/Theodor Hundhammer (1),
  • die sogenannten Sechs Eigenschaften nach Rudolf Steiner (2),
  • als auch die Rückschau/Tagesrückblick (3, S. 87).

sind wichtige Instrumente. Hier erübt der Patient eine eigene Gedankenführung, die ihm die Erfahrung von Kontrolle über Gedanken und Gefühle ermöglicht.

Zu diesen Übungen können Sprüche und Meditationen hinzugenommen werden. Der Therapeut sollte sich mit ihrem Inhalt vertraut gemacht haben, um dem Patienten eine wirksame Hilfestellung geben zu können.

Bewährte Meditationen

Bei Dyspnoe mit Unruhe und Angst erleben viele Patienten eine Hilfe durch die folgende Meditation. Der Therapeut sollte sich mit ihrem Inhalt bekannt machen und dem Patienten eine Hinführung geben. 

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

Rudolf Steiner (4, S.179)

Bei ängstlicher Ohnmacht kann die folgende Meditation empfohlen werden: 

Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entzünde das Mitleid
Daß Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Der geistigen Wiedergeburt. 

Rudolf Steiner (4, S.73) 

Wenn Angehörige eine helfende Hinwendung zum Patienten anstreben, so ist die folgende Meditation geeignet:

Geist Deiner Seele, wirkender Wächter,
Deine Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Sphärenmenschen
Daß mit Deiner Macht geeint
Unsere Bitte helfend strahle
Der Seele, die sie liebend sucht. 

Rudolf Steiner (5) 

Wenn Patienten in existenzieller Auseinandersetzung mit der Erkrankung stehen, so kann durch eine kurze Meditation Rudolf Steiners eine besondere Kraftquelle entstehen:

Du Geist meines Lebens, schützender Begleiter,
Sei Du in meinem Wollen die Herzensgüte,
Sei Du in meinem Fühlen die Menschenliebe,
Sei Du in meinem Denken das Wahrheitslicht.

Rudolf Steiner (4, S.190)

Diese Meditation ist überschrieben mit „In Todesgefahr“. Das Datum ihres Entstehens und auch der Adressat, der um sie gebeten hat, sind unbekannt. Diese Meditation wendet sich an den Engel des Menschen, der das Ich-Wesen trägt und leiten kann und Kraft im Denken, Fühlen und Wollen schenkt. Es können dann diejenigen Qualitäten entstehen und gefördert werden, die wir bei vielen Patienten in der Palliativmedizin bestaunen: Weisheitsvolle Sicht des Lebens als Wahrheitslicht im Denken, dass nicht mehr nur das Persönliche beleuchtet, sondern neue Perspektiven erkennt, Menschenliebe, die sich nicht mehr egozentrisch, sondern dem Umkreis zugewandt entwickelt und schließlich eine Herzensgüte, die fast wie eine zum Segnen befähigte Kraft in der Patientenbegleitung wahrgenommen werden kann. In diesen inneren Entwicklungen erscheint etwas Engelverwandtes als Frucht der Auseinandersetzung mit der Krankheit, dass die Individualität in die Zukunft entweder in diesem oder einem späteren Schicksal tragen kann (6).

1 Haas H, Hundhammer T. Selbsterziehung und der achtgliedrige Pfad - ein Gruppenprogramm. Der Merkurstab 2013;66(6):496-506.

2 Steiner R. Die Nebenübungen. Sechs Schritte zur Selbsterziehung. 5. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2016.

3 Steiner R. Seelenübungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen. GA 267. 2. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2001.

4 Steiner R. Mantrische Sprüche. Seelenübungen II. GA 268. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1999.

5 Steiner R. Der Tod – die andere Seite des Lebens. Wie helfen wir den Verstorbenen? Worte und Sprüche. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 2000.

6 Girke M. Palliativmedizin. Der Merkurstab 2017;70(5):416-423.