Therapeutische Sprachgestaltung zur Ich-Orientierung in den palliativen Erkrankungsphasen

Die Fähigkeit zu sprechen ist eine der zentralen Bewusstseinsleistungen des Menschen und umfasst die Sprache als Selbstausdruck, als Gedankenträger und als Kommunikationsmittel. Sprache im hier gemeinten Sinn schliesst auch die prä- und nonverbale Kommunikation mit Geste und Stimme ein.

In den palliativen Phasen einer Erkrankung kommt der Sprache als Verständnis- und Orientierungsmedium große Bedeutung zu. Oft handelt es sich bei der Begleitung von Menschen in dieser Phase um Verzicht oder um Reduktion des gewöhnlichen Sprechens und um das Gewicht weniger, verdichteter Worte. So wie das Kind die Welt mit Ein-Wort-Sätzen betritt, so reduziert sich am Lebensende die Wortfülle im und um den scheidenden Menschen.

  • Was ist ihm wesentlich im Abrunden seiner Biografie, was möchte noch ausgesprochen oder erlebt werden? «Ich begreife, dass ich nichts mehr zu verlieren habe und versuche mich von alten verfestigten Vorstellungen zu befreien, um zu erkennen und zu tun, was mir wirklich wichtig ist». Diese Reise nach innen, um die Entdeckung vielleicht noch auszusprechen, kann die anthroposophische Therapeutische Sprachgestaltung begleiten und unterstützen. Hilfreich sind Atemübungen, Vokalübungen und Texte, die verhelfen, sich selbst zuzuhören und Emotionen zum Ausdruck zu bringen.

  • So leuchtet der Inhalt eines verdichteten Textes – wie Gedicht oder Spruch – immer stärker durch die vermittelnden Worte hindurch und bildet eine stille Brücke zum begleiteten Menschen. In dieser Situation ist es für Fachpersonen und Angehörige besonders wichtig, aufmerksam auf die wirklichen Bedürfnisse des Menschen zu achten und keine Texte oder Inhalte in guter Absicht überzustülpen. Auch die klassischen Übungen der Sprachgestaltung und -therapie stehen nicht mehr im Vordergrund.

  • Andererseits erweist sich die rezeptive Anwendung der Bausteine unserer Sprache, der Laute und Silben in verschiedenen Modalitäten als hilfreich. Sie verstärken einen achtsamen Leibbezug, der oft wichtig ist, um sich schliesslich ganz lösen zu können. Den Körper spüren und ertasten, in dem die Hände mit sanftem Tönen des Lautes M auf Bauch oder Brust liegen; den Atemstrom spüren und mit sanftem F, S, CH oder M begleiten, unterstützt dieses Erleben, wie auch ein sanfter Druck mit den Füssen gegen das Bettgestell oder die Hände des Therapeuten.

  • In der Präterminalphase, die Wochen bis Monate dauern kann, tauchen bei vielen Menschen aus den Tiefen der Erinnerung wichtige Texte und Gedichte auf. Besonders wenn es sich um Erinnerungsfragmente handelt, kommt der ergänzenden Begleitung durch die Therapeutin große Bedeutung zu. Diese Begleitung erfolgt im verstehenden Vervollständigen oder rhythmischen Sprechen, wird sich bei zunehmender Schwäche aber verinnerlichen und einem leiseren bis stummen Sprechen Raum geben.

  • Bei Bettlägerigkeit und Symptomen wie Atemnot, welche in der Terminalphase oft auftreten, hat sich der an den Beinen ausgeführte, rezeptive Hexameter besonders bewährt.

  • Bei schmerzhaften oder krampfartigen Zuständen sind Abstriche mit Blaselauten wie S oder CH hilfreich. Besonders das CH kann auch ohne Berührung den Atem lösen und zum Mitschwingen anregen.

  • In der Finalphase möchten viele Menschen allein sein und suchen sich aus einem höheren Bewusstsein den richtigen Augenblick. Der Mensch lässt mit dem Körper sein Kleid der Sprache, die Vokale und Konsonanten zurück und tritt mit den nahestehenden Menschen wie in einer Umstülpung von Innen ins Gespräch.