Unruhe

Palliativ erkrankte Patienten klagen häufig über Unruhe, die zu einem oftmals erheblichen Leidensdruck führt. Sie stellt große Anforderungen an die Angehörigen sowie an das therapeutische Team. Dabei geht es nicht vorrangig um die Symptomkontrolle, sondern um das Verstehen dieser „Sprache“, die sich mit der Unruhe ausdrückt, und verstanden als auch behandelt werden will. Unruhe kann mit Angst einhergehen, allerdings kennen wir auch die Unruhe ohne das angstvolle Erleben. Unruhe kann sich im Gedankenablauf zeigen, sich seelisch als innere Unruhe ausdrücken und bis zur motorischen Unruhe führen. In der S3-Leitlinie Palliativmedizin (1) werden diagnostische und therapeutische Gesichtspunkte angeführt. Weitere Maßnahmen haben sich in der Praxis bewährt und werden nachfolgend zusammengefasst.

Das Wesen der Ruhe

Das Verständnis der Unruhe vertieft sich durch dasjenige der Ruhe, der Stille. Ruhe ist nicht nur Abwesenheit von Bewegung, Stille nicht nur Lautlosigkeit. Wir kennen die erfüllte Stille nach dem Anhören einer Musik oder die erfüllte Stimmung nach einer inneren meditativen Besinnung. Es ist nicht eine Leere, sondern im Schweigen der Seele entwickelt sich ein geistiges Sprechen und Hören. Der Mensch kann sich über die Ruhe mit der geistigen Welt verbinden: Lange ersehnte Einfälle und lösende Gedanken entstehen nicht aus dem Trubel des Alltags, sondern in Augenblicken der Ruhe und Stille. Wenn die eigene Seele schweigt, kann der Geist sprechen und für den Menschen hörbar werden. Umgekehrt spricht der Geist des Menschen in Augenblicken der Stille, des Schweigens – „In der stummen Stille aber reift, was Menschen sprechen einst zu Sternen“ (2) beschrieb es Rudolf Steiner. Aus diesen Gründen ist eine Voraussetzung für den Entwicklungs- und Erkenntnisweg des Menschen die „Innere Ruhe“, in deren Augenblicken das Wesentliche vom Unwesentlichen geschieden werden. Für viele palliative Patienten ist die Frage nach dem Wesentlichen besonders wichtig. Sie gibt Orientierung, hilft bei den Wertesetzungen und eröffnet Perspektiven.

Für die Pflege der Ruhe kann die Besinnung auf die folgenden Worte hilfreich sein:

Wenn Ruhe der Seele Wogen glättet
Und Geduld im Geiste sich breitet
Zieht der Götter Wort
Durch des Menschen Innres
Und webt den Frieden
Der Ewigkeiten
In alles Leben
Des Zeitenlaufs. (3)

Ursachen der Unruhe

Oftmals hat die Unruhe leibliche Ursachen. So führen somatische Beschwerden zur Unruhe des Patienten: Manchmal ist es der Harndrang, dem Abhilfe geschaffen werden muss, ebenso weicht die Unruhe nach einem erfolgreichen Klysma. Luftnot, Schmerz können sich gleichermaßen in Unruhe des Patienten äußern. Wenn ein Kleinkind unruhig wird, suchen wir nach der Ursache und können helfen. Keinesfalls werden wir hier eine Symptomkontrolle beginnen. Ähnliches gilt auch für den palliativen Patienten, indem wir seine Unruhe als Sprache für etwas verstehen, dass er uns ggf. nicht mitteilen kann.

Vieles in der Biografie Verborgene kann zur Unruhe führen. Manche Patienten drücken belastende biographische Erfahrungen und Lebenserinnerungen in der Unruhe aus. Aber auch der Menschenumkreis kann zur Unruhe beitragen und umgekehrt diese auch verbessern. Vieles Ungelöste in menschlichen Beziehungen, in den Alltäglichkeiten des Lebens führt zur Unruhe. Diese kann sogar „anstecken“, sich also auf den Menschenumkreis übertragen und negativ auf den Patienten zurückwirken.

Schließlich gibt es eine Unruhe, die sich auf das Kommende bezieht: Unser Alltag lehrt uns, dass jedes Warten ab einer gewissen Zeit unruhig werden lasst. Auch führt die gefühlte Ohnmacht gegenüber dem vielleicht Kommenden zur Unruhe. Ebenso erzeugt die Ungewissheit dem Kommenden gegenüber Unruhe. Das Kommende ist oftmals verhüllt. Unruhe entsteht an Bewusstseinsschwellen, die das Bekannte von dem noch Unbekannten trennen. Umgekehrt braucht es zum Überschreiten der Schwelle die innere Ruhe. Sie gehört zur inneren Entwicklung des Menschen und ist eine ihrer wesentlichen Qualitäten: „Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe …“ (4). In der Palliativmedizin beobachten wir oftmals Grenz- und Schwellensituationen, in denen Unruhe entsteht. Hierzu gehört auch die nächtliche Dunkelheit, die oft zur Unruhe führt und sich löst, wenn der Morgen und das Tageslicht kommen. Grenz- und Schwellensituationen brauchen nicht vorrangig ihrer symptomatischen Kontrolle, sondern das Verstehen. Aus diesem folgen dann die therapeutischen Maßnahmen.

Leitgedanken zur Therapie

In der Unruhe fühlt sich das Ich des Menschen wie ohnmächtig und ausgeliefert. Förderung der Selbstwirksamkeit und Ich-Kompetenz durch spirituelle Hilfen, zwischenmenschliche Begegnung, Arzneitherapie sowie pflege- und kunsttherapeutische Maßnahmen können hier helfen.

Unruhe bessert sich des Weiteren, wenn die Seele in ihrer Verbindung mit dem Leib durch körperorientierte Anwendungen – wie zum Beispiel eine Fußeinreibung – unterstützt wird. Berührung hat eine umfassende therapeutische Wirksamkeit (5), die gerade in der palliativen Begleitung des Patienten einen hohen Stellenwert bekommt.

Unruhe führt zu abbauenden Prozessen, schwächt die Lebensorganisation und reduziert die Vitalität des Patienten. Therapeutisch muss deswegen beim unruhigen Patienten die Lebensorganisation unterstützt werden. Durch Förderung der Erholungskräfte, die zum Beispiel ein gesunder Schlaf verleiht, kann der Patient gestärkt erwachen und der Unruhe besser begegnen.

Körperlich äußert sich die Unruhe durch Bewegungsdrang, feuchte, bei Anspannung auch kühle Hände, schnelle Atmung und Herzfrequenz, aber auch durch einen unruhigen Blick. Körperliche Ursachen der Unruhe (z. B. Harn- und Stuhldrang) werden versorgt, wodurch sich die Unruhe bessert. Damit sind alle vier Wesensglieder in unterschiedlichem Maße betroffen und bedürfen ihrer therapeutischen Berücksichtigung.

1 Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF).  Palliativmedizin für Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. Kurzversion 2.3, 2021. AWMF-Registernummer: 128/001OL. Verfügbar unter https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/palliativmedizin/ (22.08.2022).

2 Steiner R. Spruch für Marie Steiner 25. Dezember 1922. In: Wahrspruchworte. GA 40. 8. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1998, S. 107.

3 Steiner R. Spruch für Helmuth v. Moltke auf eine Photographie 11. Dezember 1915. In: Wahrspruchworte. GA 40. 8. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1998, S. 273.

4 Steiner R. Innere Ruhe. In: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10. 24. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1993, S. 29.

5 Müller-Oerlinghausen B. Berührungsmedizin – ein komplementärer therapeutischer Ansatz unter besonderer Berücksichtigung der Depressionsbehandlung. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2022;147(4):e32-e40. DOI: https://doi.org/10.1055/a-1687-2445. [Crossref]


Neues aus der Forschung

Anthroposophische Medizin ist evaluierter Bestandteil der CRF-Behandlung
Die krebsbedingte Müdigkeit (CRF) ist eines der häufigsten und am weitesten verbreiteten Symptome von Krebspatienten und Krebsüberlebenden. Ziel einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit war es, klinische Bewertungsskalen und Interventionen zu identifizieren, die für CRF zur Verfügung stehen. Zu diesem Zweck wurden 2611 Forschungsartikel gesichtet, wobei auch nicht-pharmakologische Massnahmen wie Bewegung, komplementäre Therapien, Ernährungs- und psychoedukative Massnahmen, Schlaftherapie, Anthroposophische Medizin und verschiedene pharmakologische Wirkstoffe als wirksam bei der Behandlung von CRF ermittelt wurden. Die Ergebnisse sind frei zugänglich veröffentlicht: 
https://doi.org/10.25259/IJPC_455_20
Ergänzender Hinweis: Die Wirkung der Misteltherapie bei CRF wurde von einer Forschungsgruppe im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe untersucht: 
https://doi.org/10.1177/1534735420917211


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