Selbstlernen und Beziehungslernen

Grundphänomene der kindlichen Entwicklung als Orientierung für die pädagogische und therapeutische Praxis

„Mit der Geburt bringt jedes Kind zwei Urerfahrungen mit: Verbundenheit und Über-sich-hinaus-wachsen, damit auch zwei Bedürfnisse, die sich zeigen als Beziehungswille und Gestaltungswille. In jedem lebt dies als permanente Sehnsucht, als Heimweh und Fernweh. Wir müssen den Rahmen schaffen, in dem sich ereignen kann, was wir uns wünschen, was wir brauchen. Wir brauchen eine Potentialentfaltungskultur. Wir müssen die Menschen einladen, ermutigen, inspirieren.“ Gerald Hüther (1)

Mit der weltweit zunehmenden Betreuung von Kleinkindern oder gar Säuglingen außerhalb der Familie wachsen die Anforderungen an das Verständnis von Schwangerschaft, Geburt und den ersten Lebensjahren. Was bisher in der privaten Sphäre des häuslichen Umfeldes stattfand, wird heute zur Verantwortung der interdisziplinären Zusammenarbeit verschiedener Berufszweige in Schwangerschaft, Geburt und früher Kindheit, als Netzwerk um die Familie – ja zur gesellschaftlichen Aufgabe insgesamt.

Bereits 1907 betont Rudolf Steiner die große Bedeutung der ersten drei Lebensjahre für alle weitere gesundheitliche und biografische Entwicklung des Menschen. Zeitgleich spielen in der sich etablierenden Psychoanalyse die frühkindlichen Erfahrungen eine große Rolle. Die entscheidende Prägung des Menschen in dieser Phase ist heute durch das Wissen der Neurologie und Psychologie allgemeine Erkenntnis geworden (2). Zugleich drohen der frühen Kindheit im fortschreitenden 21. Jahrhundert zahlreiche zivilisatorische Belastungen und Gefährdungen, wie z. B. die nicht notwendigen Kaiserschnitte und ihre Folgen, der immer frühere Medienkonsum oder das wachsende Phänomen von Kindern psychisch kranker Eltern. Verstärkt ringen deshalb Fachkräfte in Pädagogik, Therapie und Medizin gemeinsam mit Eltern um angemessene institutionelle Konzepte für die Betreuung und um die Erziehung und Gesundheit der Kinder unter drei Jahren.

Von welchen Grundphänomenen kann ausgegangen werden?

Wie kommen wir zu grundlegenden Einsichten als Basis unseres fachlichen Handelns? Voraussetzung für alle Konzepte und Einzelfragen in der Praxis ist zunächst ein Grundverständnis dessen, was anthropologisch im frühen Entwicklungsabschnitt der ersten Kindheit vorgeht. Dabei ist zunächst das Bild vom Menschen wichtig: Wird das Kind nur als ein leibliches Produkt seiner Eltern und der Umgebungsverhältnisse angesehen und das Ich als Konstruktion des Gehirns, reicht dies nicht zu einem Verständnis der Individualität des Menschen aus. Welche Erweiterung erfährt diese materielle Sichtweise durch die Annahme einer eigenständigen Persönlichkeit, die durch die Konzeption auf eine Art „Modell-Leib“ oder auch „Erb-Leib“ trifft und das konkrete Erbgut zur jeweils einzigartigen menschlichen Individualität formt? (Siehe Abb. 1) Diese Fragen sind entscheidend für die Haltung und Intention der Fachkräfte, die das Kind nach der Geburt in den ersten Jahren betreuen, pflegen oder beraten. Sie führen zu anderen Antworten hinsichtlich der Veranlagung einer gesunden Entwicklung des Kindes als individuelle Persönlichkeit im Hinblick auf seine spätere Selbstbestimmung und Beziehungsfähigkeit.

Abb. 1: Die Individualität formt ihren ererbten „Modell-Leib“ um


Gerald Hüther weist im zitierten Eingangsmotto prägnant auf zwei Ur-Erfahrungen hin, die als Phänomene beim Säugling und Kleinkind zu beobachten sind: Ein beim Menschen sehr lang anhaltendes, notwendiges Angewiesensein auf Bezugspersonen und deren Verlässlichkeit als menschliche Verbundenheit und zugleich von Anfang an das Phänomen des Über-sich-hinaus-Wachsens des kleinen Kindes durch seinen Willen, ständig etwas ergreifen und neu entdecken zu wollen. Diese polaren Grundbedürfnisse des Kindes sind Ausdruck seines Beziehungswillens auf der einen und seines Gestaltungswillens auf der anderen Seite. Heute weiß man, dass dieses doppelte Potential entscheidend mit der späteren Gesundheit und der Lern- und Erkenntnismöglichkeit der Persönlichkeit zusammenhängt.

Bindung durch dialogisches Miteinander im Zusammensein

Der Säugling und später das kleine Kind sind lange Zeit ganz der Umgebung ausgeliefert und in allen Bedürfnissen hilflos angewiesen auf die Fürsorge und den Schutz des Erwachsenen. Die zuvor erlebte Urerfahrung des „einheitlichen Daseins“ in der Schwangerschaft ist nicht mehr gegeben, denn mit der Geburt werden die ersten Grenzerfahrungen und „Trennungen“ vollzogen. In den etwa 30.000 Lächel-Dialogen der ersten sechs Monate (3), die Eltern normalerweise ihren Kindern anbieten, kann das Vertrauen in eine neu zu schaffende Einheit mit den Bezugspersonen gewonnen werden, vorausgesetzt, diese sind verlässlich. Das Kind lernt allmählich in den Momenten der Pflege und des Versorgtwerdens durch Mutter oder Vater die Qualitäten der Verbundenheit und des Geborgenseins. Das der Welt zunächst entgegengebrachte grenzenlose Urvertrauen wird bestätigt. Das Kind nimmt den Erwachsenen mit all seinen Handreichungen, seiner Sprache, seiner inneren Haltung und Einstellung usw. wahr, lernt dann Schritt für Schritt mitzuwirken, um später in der Selbstversorgung autonom und eigenverantwortlich zu sein.

Angeregt durch solche positiven Erfahrungen besitzt der Heranwachsende später die Sicherheit, um zu anderen Menschen und Verhältnissen in Kontakt zu treten. Ist diese Erfahrung nicht gegeben, können dialogische Begegnungen im Sozialen in weiteren Lebensphasen erschwert werden. Die Augenblicke des Zusammenseins während der Pflege im Kleinkindalter sind deshalb entscheidend notwendig für die spätere Beziehungsfähigkeit. Erwachsene, die in Momenten des Zusammenseins mit Kindern, insbesondere in der Versorgung, präsent sein können, sich Zeit lassen und ihr Tun mit Sprache begleiten, sind für die Kinder stärker wahrnehmbar und lassen im Dialog Vertrauen in die Umgebung entstehen. Im Zusammensein bildet sich eine Hülle und es wächst die Bindung zwischen Kind und Bezugsperson. Das ist auch dann gegeben, wenn wir notwendigerweise Kinder in den verschiedensten Entwicklungsschritten immer wieder in Trennungserfahrungen begleiten. Dass Menschen verlässlich sind, dass alles zu seiner Zeit geschieht, dass ein Rhythmus dazugehört, der durch die Erwachsenen gestaltet wird, ermöglicht erst den Bindungsaufbau als wesentlicher Beitrag zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Aus dem verlässlichen Schutz der Zuwendung wachsen Geborgenheit, Liebe und Wärme als erfülltes seelisches Grundbedürfnis (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Der Erwachsene gestaltet die Hülle, der kindlichen Seele wird ein Grundbedürfnis erfüllt


Spürbar wird dieses in der Pflege u. a. durch Berührungen, Sinneswahrnehmungen, Resonanz, nonverbaler und verbaler Kommunikation und durch die Freude am Zusammensein. Es bewirkt allmählich die zunehmende Selbstwahrnehmung durch das Wahrgenommenwerden. „Ich sehe und werde gesehen, also bin ich“, so beschreibt der Kinderarzt und Psychiater Donald Winnicott (1896 – 1971) diesen Vorgang der Selbstwerdung (4). Das starke gefühlsmäßige Band, das sich in den ersten Lebensmonaten zwischen Mutter und Kind entwickelt, wird von dem britischen Psychologen John Bowlby (1907 – 1990) deshalb „Bindung“ genannt und diese Bindungstheorie später von seiner Mitarbeiterin Mary Ainsworth (1913 – 1999) weiter differenziert. Sie erkennt verschiedene Bindungsmuster je nach den Angeboten durch die Bezugsperson (5). Die Fähigkeit zur Beziehung und Bindung entwickelt sich aus den Angeboten des Zusammenseins und ist abhängig von Merkmalen der Kommunikation zwischen einer Bindungsperson und dem Kind.

Exploration durch Selbstlernen als forschendes, schöpferisches Tätigsein

Von der Geburt an zeigt das Kind erstaunliche Fähigkeiten, die ihm weder beigebracht oder von außen gesteuert werden können und womit es sich letztendlich die Welt erobert: den Saugreflex, die Bewegungen der Glieder, die zunehmende Fokussierung des Blicks im Wahrnehmen der Umgebung usw. Während bei der Geburt Selbst und Welt noch unmittelbar verbunden waren, erwirbt das Kind im ersten Lebensjahr allmählich die Erfahrung der „Trennung“, dass u. a. die Brust der Mutter ein Teil der außer ihm liegenden Welt ist. Durch das fortwährende Tätigsein und unendliche Wiederholungen und Variationen manifestieren sich die Entwicklungsschritte des Kindes von den willkürlichen Regungen des Lebensanfangs zu immer größerer Steuerung seiner eigenen Leiblichkeit, angeregt durch das Erobern der es umgebenden Welt. Das setzt sich später im Prozess der leiblichen Aufrichte und der Differenzierung seiner gesamten Bewegungsentwicklung fort.

Diese Erfahrungen der Eigenbewegung sind für das Kind die Basis, den „eigenen Beweger“ als eigene Schöpferkraft zu entdecken. Damit wächst zugleich die Chance, nicht fremd und getrennt gegenüber der Welt zu bleiben, sondern diese sich allmählich individuell zu eigen zu machen. Die Erfahrung der Trennung ist andererseits ein notwendiger Schritt für die menschliche Freiheit. Die spätere Überwindung der Trennung aus eigener Tätigkeit und eigenem Antrieb zustande zu bringen, wird zur Urerfahrung der Willenstätigkeit, der Selbstregulation und Steuerung der eignen Persönlichkeit.

Mit der Geburt ist die Leiblichkeit des Kindes in die Schwerkraft gekommen. Und mit dem zunehmenden Tätigsein formen sich erst die Organe aus. In diesem Individualisierungsprozess findet eine weitere Modifizierung durch die „Aufrichte“ statt und die irdische Schwerkraft wird zugunsten des Lichtes und der Leichte im Lebendigen überwunden. Das Kind kann von seiner Umwelt immer mehr „erkennen“. Es braucht dafür jedoch seine individuelle Zeit, um den Raum zu ermessen und zu gestalten und damit eine eigene Orientierung über das Zeit-Raum-Verhältnis zu bekommen. Empirisch, ganz aus der Beobachtung des Kindes heraus, formulierte Emmi Pikler ihren Leitsatz: „Lasst mir Zeit, es selbst zu tun!“ (6). So lernen Kinder das Lernen kennen und behalten diese Geste ihr Leben lang. Das Für-sich-sein in diesem Entdeckungsvorgang ist eine Lernqualität. Sie prägt die spätere Selbständigkeit, Selbstbestimmung, Selbsteinschätzung und Abgrenzung einer erwachsen gewordenen Individualität. Die Art, wie sie sich das Fremde, die Umgebung zu eigen macht, ist die früheste Form der Selbstschulung. Wahrgenommenes muss erfasst und verarbeitet werden. Aus den Fehlschlägen ergeben sich Schritt für Schritt die Einschätzungen, z. B. wie viel Kraft ich brauche, einen bestimmten Gegenstand aufzuheben. Es reguliert sich mein Vornehmen im Verhältnis zum Umsetzen. Bewegung und Spiel sind somit fortwährendes Ausbilden und Korrigieren der eigenen Leiblichkeit, der Schulung und Einrichten der Organe und Gliedmaßen.

Beobachten wir Kinder, wenn sie ihre Hände entdecken und mit ihnen spielen, wenn sie später versuchen zu stehen und zu gehen oder noch später etwas sortieren oder bauen, so beeindruckt, mit welcher Konzentration sie im Für-sich-sein diese Tätigkeiten ausführen – wenn wir sie dabei nicht stören. In der Bewegung und im Spiel folgt das Kind aus sich heraus seiner eigenen Entwicklung durch Entdeckung und allmähliche Eroberung der Welt. Es erforscht dabei gesetzmäßige Zusammenhänge, verfolgt Bewegungen und ihren Ausgangspunkt, wird auf Objekte aufmerksam usw. In dieser Exploration des Kindes wird sein Grundbedürfnis nach Freiheit, Autonomie und Kreativität erfüllt. Dazu muss es konzentriert in sich selbst ruhen können, um die Welt zu entdecken und zu ergreifen (siehe Abb. 3).

Abb. 2: Der Erwachsene gestaltet die Hülle, der kindlichen Seele wird ein Grundbedürfnis erfüllt


Im Kind und in jedem Menschen liegen diese Grundbedürfnisse gleich einem Drang, die Dinge eigenständig zu entdecken oder anzuordnen. Gelingt es auf diesem Weg, dass Tätiger und Getanes in Übereinstimmung gebracht werden, so nehme ich mich darin wahr und spüre: Ich bin .

Bei Kindern stellt sich dieses Spüren des Selbst zunächst auf körperlicher Ebene ein, wenn das Kind seine Gliedmaßen koordiniert und allmählich deren Führung als Ausgangspunkt für alle weitere Bewegungsentwicklung übt. In späteren Lebensaltern überträgt sich diese Selbsterfahrung auch auf die seelische und geistige Entwicklung. Wenn wir Kindern von Anfang an Gelegenheiten geben, die Welt und ihre Gesetze selbst zu entdecken, schaffen wir zugleich die Voraussetzung für alles weitere selbständige Lernen. Urvertrauen und Sicherheit sind notwendige Voraussetzung für das Gelingen der Exploration – und dürfen im Laufe der Entwicklung möglichst wenig enttäuscht werden. Das verlässliche Zusammensein in der Bindung ist die Voraussetzung für das eigenständige Für-sich-sein. Bindung und Exploration sind nicht unabhängig voneinander zu gestalten.

Die wechselseitige Dynamik des Zusammenseins durch Bindung und des Für-sich-seins durch Exploration

Zu den geschilderten Grundphänomenen des Zusammenseins (Bindung) und Für-sich-seins (Exploration) des Kindes kommt nun in der Beobachtung des kindlichen Verhaltens ein entscheidendes Element hinzu: die wechselseitige Dynamik, der Rhythmus der Abwechslung zwischen den beiden Polen, das Hin- und Herschwingen in der Zeit. Hier gibt es nach aktuellen Forschungsansätzen die Notwendigkeit einer neu zu begründenden Wissenschaft der Vitalitätskräfte. Diese Kräfteverhältnisse beeinflussen die lebenslange Gesundheit und Regeneration des Menschen wesentlich. Zu unterscheiden ist dabei der physische Leib, der unmittelbar in Abbauprozesse übergeht, wenn er nicht durch die Vitalitätskräfte daran gehindert würde. Rudolf Steiner nennt diese Funktion auch Lebenskräfte oder Ätherleib (8). Welche Gesetzmäßigkeiten liegen den hier beschriebenen Kräften der Vitalität zugrunde und wie manifestieren sie sich? Was fördert oder hemmt sie?

In der Auseinandersetzung zwischen dem Gewordenen – der aus dem Erbgut aufgebauten Leiblichkeit – und der zunächst nicht fassbaren Persönlichkeit entwickelt sich die unverwechselbare Individualität des Kindes. In diesem Spannungsfeld können wir die Kräfte des Wachsens und Gedeihens wahrnehmen. Exemplarisch vergleichbar ist dies mit dem Werden und Vergehen der Pflanzen. Für das pflanzliche Wachstum ist die rhythmisch sich verändernde Geste des Ballens oder des Anspannens (Kontraktion) und das sich weitende, streckende oder loslassende Moment (Expansion) charakteristisch. In der lebenden Natur, wie auch im menschlichen Leib, sind Kontraktion und Expansion als Prinzipien der Vitalitätskräfte vielfältig zu entdecken, denken wir z. B. nur an den Atem in seiner systolischen und diastolischen Geste.

Die Leibbildung und das Wachstum des Kindes in den ersten sieben Jahren vollzieht sich deshalb bei genauerer Beobachtung vor allem im Rhythmisieren von Tag und Nacht, Wachen und Schlafen, Spiel und Ruhe, Für-sich-sein und Zusammensein mit anderen. Es erscheint als eine grundlegende Eigenschaft der Lebenskraft, dass sie jeweils die rhythmische Pendelbewegung zwischen zwei Polen als Grundlage hat. Ja, es ist daran die Gesundheit eines Organismus zu erkennen, ob diese Pendelbewegung und Rhythmisierung pulsierend und geschmeidig zugleich verlaufen. Betrachten wir vor dem Hintergrund dieser Beschreibung nun die eingangs geschilderten Grundbedürfnisse von Bindung und Exploration. Beide Pole mit ihren weitreichenden seelischen Konsequenzen bedingen sich gegenseitig und verwandeln sich.

In Abbildung 4 sind die Gesten des Zusammenseins auf der rechten Seite dargestellt und sollen die Geschlossenheit der schützenden Hülle (blau) und die Herzinnigkeit der seelischen Erwärmung (rot) des Kindes zeigen. Das gibt dem Kind die Möglichkeit, aus der in dieser inneren Erwärmung entstandenen Konzentration heraus die Kraft für ein sich ausbreitendes Weltinteresse zu entfalten (linke Seite). So entsteht in der Exploration eine autonome Selbstentwicklung an den Erfahrungen der Welt und eine gesteigerte Sinneswahrnehmung. Dabei behält das Kind den zuvor erworbenen „Kern“ der Zentrierung und Konzentration (blau) bei, um in freier Weise kreativ die Welt zu erfahren (rot). Die Expansionserlebnisse wirken sich dann wiederum steigernd auf die Beziehung des Zusammenseins aus.

Abb. 4: „Für-sich-sein“ und „Zusammensein“


„Willst du die Welt erfahren, schaue in dich selbst. Willst du dich selbst erfahren, schaue in die Welt.“ (7) Die Gesten der Pole verwandeln sich jeweils spiegelbildlich.

Die Bindungstheorie, in der die Bedeutung der Bindung für die Exploration umfänglich erforscht wurde, wird hier durch die Dynamik der Vitalitätskräfte ergänzt. Damit ist ein wichtiges Prinzip für die Gesundheitsförderung der Kinder beschrieben. Die Anwendung dieser Sicht kann sich auf Einrichtungen und ihre Konzepte sowie grundsätzlich für die Betrachtung des Kindes in Schwangerschaft, Geburt und der gesamten frühen Kindheit förderlich und praktisch handhabbar auswirken.

Was folgt daraus für Pädagogik und Therapie?

Was für Folgerungen sind aus dieser Beobachtung der kindlichen Entwicklung für Pädagogik und Therapie zu ziehen? Wie kann sich die Vitalität des kleinen Kindes optimal entfalten und dadurch zur Grundlage einer gesunden physischen Entwicklung des Körpers und seiner Organe werden? Aus dem Vorhergehenden ist ersichtlich, dass z. B. beim kleinen Kind der Wechsel von Zusammensein in der Pflege und dem Versorgtwerden (als kontrahierende Geste) in ein harmonisches Verhältnis zur Expansion im Für-sich-sein im Spiel und in der Bewegung kommen sollte. Alle helfenden Antworten auf Fragen nach Salutogenese oder Gesundheit werden in diesem zu harmonisierenden und sich gegenseitig bedingendem Verhältnis zwischen dem kontrahierenden und dem expandierenden Element zu suchen sein.

Will der Erwachsene der gesunden Vitalitätsentwicklung des Kindes gerecht werden, so muss er bewusst und flexibel eine unterschiedliche Haltung und vor allem Aufmerksamkeit gegenüber dem Kind einnehmen und situationsgerecht ändern können. Und sie muss eine ganz andere sein, wenn sich das Kind in einer Exploration, im spielen und bewegen befindet, als wenn es um das Zusammensein mit dem Kind in der Versorgung, beim Schlafenlegen oder Trösten und damit um Beziehung geht. Situativ und vor dem Hintergrund der Wahrnehmung der Bedürfnisse des Kindes ergibt sich eine unterschiedliche Begleitungsgeste gegenüber dem Kind:

  • Einerseits unterstütze ich das Kind überall da, wo es auf mich angewiesen ist und das Kind es noch nicht selbst kann,
  • andererseits fördere ich alle Ansätze seiner selbständigen und freien Entfaltung.

Die Eltern und Umgebung als Grundlage und Basis der kindlichen Entwicklung

Die Ziele der kindlichen Entwicklung und des Erziehungsvorganges bis zur Mündigkeit sind – ganz entsprechend der beiden beobachteten Grundphänomene – die Selbstbestimmung des Menschen und die Fähigkeit des dialogischen Miteinanders, einer gesunden Bindungs- und Beziehungsfähigkeit. Grundlage und Basis dafür ist aber – wie wir in der bisherigen Schilderung der Urphänomene bereits gesehen haben – die „richtige“ Umgebung des Kindes. Zu ihr gehören nicht nur Grundbedürfnisse wie Nahrung, Behausung und Versorgung, sondern vor allem die durch die Erwachsenen gestaltete Umgebung. Sie gibt der Entwicklung der seelischen Grundbedürfnisse Geborgenheit, Verlässlichkeit und Wärme wie auch der geistigen Bedürfnisse Freiheit, Autonomie und Kreativität einen Rahmen und eine Hülle. Sie ist entscheidend für alles Lernen an Beziehungen und das Selbstlernen.

Die Umwelt des Kindes

Die erste Umgebung für das Kind sind immer die Eltern oder die jeweiligen engen Bezugspersonen, die erwachsenen Vorbilder. Je kleiner das Kind ist, umso mehr wirkt die gelebte Haltung, bei älteren Kindern dann das wahrnehmbare Vorbild. Was ist die innere Haltung der Erwachsenen im Umgang mit dem Kind? Sind sie an- oder eher abwesend, während sie mit den Kindern zusammen sind? Sind sie „echt“ oder spielen sie ihre Rolle? Können sie eigene Ängste, Nöte oder gar Verletzungen reflektieren und im Zusammensein mit Kindern regulieren und steuern, um primär die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und ihm gegenüber wertschätzend zu sein? All das schafft die Grundlage für ein emphatisches Zusammensein und steht bis in die Neurobiologie (Spiegelneuronen) hinein im wissenschaftlichen Fokus.

Insofern ist im Umgang mit den Kindern sowohl von den Eltern wie auch von Pädagogen und Therapeuten die ständige Fähigkeit einer Selbstwahrnehmung erforderlich, um die Rolle als Bezugsperson wahrnehmen zu können. Im Beruflichen muss das durch die Fähigkeiten der Selbsterziehung und Selbstgestaltung gesteigert werden, um in erzieherischen und therapeutischen Prozessen gleichsam künstlerisch und situativ ein Hin- und Herschwingen zwischen den beiden Grundsäulen der Kindesentwicklung fördern zu können. Dazu gehört sowohl das Ordnen der eigenen Gedanken, die Lenkung von einer Situation angemessenen Gefühlen sowie die sich anschließenden Handlungen – also das Reflektieren der eigenen Vorstellungen (Denken), das Durcharbeiten der eigenen Gefühle (Fühlen) und den daraus gefassten Handlungsimpulsen (Willen). 

Diese Gesinnung als „erste Umgebung des Kindes“ ist besonders im Laufe der frühen Lebensjahre bis zur Schulreife bedeutsam, in denen das kleine Kind vor allem mit unserer geistig-seelischen Intention verbunden ist. Welches Bild oder welche Frage entwickeln wir dem Kind gegenüber?

  • Wo kommst du her?
  • Was schaffen wir zusammen, was lernen wir miteinander, was ist unsere Beziehung?
  • Wohin führt dein Weg?

So begegnen sich der Strom der Vergangenheit mit dem sich noch entwickelnden Zukünftigen auf Basis der durch die Erwachsenen gebildeten Umgebung.

Der sich selbst in seiner Seele erziehende – und sich dadurch innerlich entwickelnde – Elternteil oder Pädagoge bzw. Therapeut steht dem in seiner leiblichen Organisation wachsenden Kind gegenüber. Aus diesem Verhältnis und seiner Dynamik ergibt sich ein Lebensprinzip durch unendliche Wiederholungen der Gesten des Zusammenseins und des Für-sich-seins je nach Alter und Entwicklung. Von der in der frühen Kindheit angelegten, später dann handhabbaren Selbstregulation hängt die langfristige Gesundheit des Menschen ab. Mit der Mündigkeit des Erwachsenen geht dieses Pendelspiel der Pole in die Eigenregie und Gestaltung des Menschen über.

Je nach unterschiedlicher Qualifikation und Aufgabe gestaltet sich die Umgebung und das fachspezifische Angebot: Geburtshelfer, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten können im Akzeptieren des Eigengestaltungswillens des Kindes einen entsprechenden Beitrag zur Gesundheit und dem Ergreifen seiner Biografie leisten.

Abb. 5: Zusammenspiel zwischen Erwachsenem und Kind


Die Menschwerdung im Bild des Tempels

Ein gemeinsames Urbild für den Leib des Menschen ist seit der Antike der Tempel. Er ist der Ort, in dem sich der Geist des Menschen zur Individualität inkarniert. Fassen wir den hier geschilderten Entwicklungsverlauf beim kleinen Kind zusammen, so bilden die beiden sich fortwährend verwandelnden Pole für die Bereiche des Selbstlernens und Beziehungslernens die „Säulen“ des Tempels. Für sie können folgende Schlüsselwörter gelten:

Abb. 6: Selbstlernen und Beziehungslernen


Diese Übersicht kann in das folgende Bild des Tempels übertragen werden:

Abb. 7: Menschwerdung im Bild des Tempels

 

Der Tempel ist ein Bild für die menschliche Entwicklung aus dem Erbgut der Eltern in einer konkreten sozial-kulturellen Umgebung hin zum Ich. Die Fähigkeiten des Erwachsenen zur Selbstbestimmung und Beziehung – wesentliche Ziele auch in allen Bildungsplänen – sind in der „Architravgalerie der Fähigkeiten“ abgebildet. Sie werden im  Laufe der Kindheit und Jugend durch die lebendigen Gesten des Selbstlernens und Beziehungslernens in rhythmischen und unendlich sich wiederholenden Bewegungen als Voraussetzungen für das gestaltende Ich gebildet. Das Bild des Tempels steht für die Entwicklung der Persönlichkeit, so wie jeder sakrale Bau ein Ort war und ist, in dem sich der strebende Menschen „aufrichten“, rückbesinnen, verändern oder neu ausrichten konnte.

Die Aufrichte als Leitbild der Schöpfung

Der gesamte Lebensabschnitt der frühen kindlichen Entwicklung kann als ein Sich-aufrichten gegen die Schwerkraft gesehen werden. In späteren Lebensabschnitten gibt es ähnliche Erfahrungen in einer Art seelischen und geistigen Aufrichte. Das in der folgenden Abbildung sichtbare lemniskatische Phänomen geschieht durch die Anlage der lebendigen, gestaltbildenden Kräfte – auch Lebens- oder Ätherkräfte genannt – charakterisiert durch die bereits beschriebenen kontrahierenden und expandierenden Gesten. Sie sind der Erbauer des physischen Leibes und Basis der Aufrichte.

Abb. 8: Die Aufrichte als Leitbild der Schöpfung


Je ungestörter das Wachstum und die Strukturierung und Formung der Organe durch den Rhythmus im Tun durchdrungen werden, je nachhaltiger wirkt sich das auf die lebenslange Gesundheit aus. Die Dynamik der polaren Kräfte im Kontrahieren und Expandieren ist lebendig, flexibel und geschmeidig. Sie ist für jede Biografie individuell, doch streben diese Kräfte erkennbar nach Ausgleich und Harmonie. So wie der Rhythmus von Herz und Lunge entscheidend für den Menschen ist, so prägen sich in der frühen Kindheit die Elemente Beziehung (im Inneren) und Exploration (im Äußeren) auch in die Organstruktur ein. Anders betrachtet bilden sich diese Polaritäten bis in die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane hinein ab und zeigen exemplarisch Innenraum (weiblich) und Strahliges (männlich).

Sind diese Beziehungen nicht genau der Auftrag in der Begleitung von Kindern auf ihrem Lebensweg? Hier liegen die gemeinsamen Aufgaben und Herausforderungen von Pädagogik, Therapie und Medizin für die heranwachsenden Kinder und ihre Eltern. In diesem Sinne arbeitet eine   interdisziplinäre Expertengruppe an der Medizinischen Sektion (Goetheanum) zusammen, um für Kinder und Eltern Orientierung zu geben durch eine gemeinsame Blickrichtung auf das werdende Leben.

 

1 Hüther G, Gebauer K. Kinder brauchen Wurzeln. Neue Perspektiven für eine gelingende Entwicklung. 7. Aufl. Düsseldorf: Patmos Verlag; 2011.  

2 Bauer J. Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. 8. Aufl. Frankfurt/M.: Piper Verlag; 2013.

3 Schiffer E, Schiffer H. LernGesundheit. Lebensfreude und Lernfreude in der Schule und anderswo. Weinheim: Beltz Verlag; 2004.

4 Winicott DW. Vom Spiel zur Kreativität. 16. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta; 2019.

5 Ainsworth M, Bowlby J. Frühe Bindung und kindliche Entwicklung. 7. Aufl. München: Ernst Reinhardt Verlag; 2016.

6 Pikler E. Lasst mir Zeit: Die selbstständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. München: Richard Pflaum Verlag; 2018.

7 Steiner R. Welterkenntnis Selbsterkenntnis. Wahrsprüche und Widmungen. Dornach: Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung; 1953.


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