Die Bedeutung des Bewusstseins in der Palliativmedizin

Es gehört zu den Kernkompetenzen der Palliative Care, dem «Patienten», dem homo patiens – also dem leidenden Menschen – beizustehen. Das Lindern des Leidens ist hier nicht Selbstzweck, sondern es geht darum, den Betroffenen so zu unterstützen, dass er trotz des Leidens seine Lebensaufgabe so gut wie möglich weiterführen und vollenden kann. Die australische Palliativmedizinerin Norelle Lickiss hat es in die guten Worte gebracht: «Create time, space and relief from suffering in order to allow patients to complete their symphony.» (Schaffe Zeit und Raum für den Patienten und lindere das Leiden, damit sie ihre Lebenssymphonie vollenden können).

Seit jeher wurden Menschen bei therapieresistenten Symptomen als Ultima Ratio vorübergehend (oder dauerhaft) medikamentös in eine Art Schlaf versetzt – als sogenannte therapeutische Sedation, um die Situation überhaupt aushalten zu können. Man nimmt also in Extremsituationen in Kauf, dass zugunsten einer besseren Symptomkontrolle das Bewusstsein eingeschränkt wird.

In den letzten Jahren ist eine starke Zunahme dieser ärztlich angeordneten Sedation zu beobachten. Welches sind die Gründe für diese Entwicklung?

  • Einerseits wurde in der Auseinandersetzung mit den in einigen Ländern sich verbreitenden Methoden der aktiven Lebensbeendigung (Euthanasie oder ärztlich assistierter Suizid) die Palliative Care verschiedentlich als Alternative zur Lebensbeendigung dargestellt und dabei insbesondere die Möglichkeit der Sedation gepriesen. Dies ist insofern problematisch, als bei einer korrekt durchgeführten therapeutischen Sedation die Lebensbeendigung nie das Ziel ist und sie gemäss Studienlage auch nicht zu einer Lebensverkürzung führt (1).

  • In öffentlichen Diskussionen, aber auch im Alltag am Krankenbett ist zu hören, dass es doch nicht «human» sei, dass ein Tier eingeschläfert werden könne, einem Menschen aber nicht erlaubt werde, mittels einer Spritze für immer einzuschlafen.

  • Und nicht zuletzt ist es eine Tatsache, dass eine «sedierte» Person aus der «Außenperspektive» der Behandler «friedlicher» wirkt. Damit ist der Umgang mit ihr, zumindest vordergründig, «einfacher» – nicht nur für die Pflege, sondern auch für das ärztliche und weitere Personal und nicht zuletzt auch für die Angehörigen. Dabei ist zu bedenken, dass die «Innenperspektive» des Patienten eine ganz andere sein kann.

Es besteht also eine deutliche Tendenz und in gewissen Situationen auch ein Druck, Patienten vermehrt zu sedieren. Wir möchten im Folgenden zeigen, warum das Bewusstsein für den Menschen auch in der letzten Phase so wichtig ist (2) und Hilfestellungen aufzeigen, wie hiermit konkret im Alltag umgegangen werden kann.