Therapeutische Sprachgestaltung bei Cancer related Fatigue

Bei Cancer related Fatigue (CRF) gelten in der Therapeutischen Sprachgestaltung die Regeln: durchlüften, bewegen, weiten und rhythmisieren. Der Atem ist das Urbild aller rhythmischen Prozesse (1, Kap. 5.3). Im Wechsel von Ein- und Ausatmung verbindet und löst sich der Mensch in seinem Verhältnis zum Leib. Jedes Einatmen ist ein latentes Aufwachen, ein zu sich kommen. Jedes Ausatmen ist ein abgeschwächtes Einschlafen (2). Ist dieser Ablauf nachhaltig gestört, kommt es zu Beeinträchtigungen der Lebensprozesse. Mangelnde Vitalität, chronische Müdigkeit, Ängste und Depressionen sind die Folge, wenn die Einatmung nicht bis in die Stoffwechselfunktionen hinein wirksam werden kann und damit ein freudiges Ergreifen der Willensorganisation verhindert wird (1, Kap. 10.1). Ursache sind häufig zu einseitige Bewusstseinsprozesse, verbunden mit einer zu flachen Hochatmung und entsprechender Muskelverspannung im Schultergürtel.

Sprachtherapeutische Gesichtspunkte

Da jeder Einatmungsstörung eine mangelhafte Ausatmung zugrunde liegt, wird zuerst geübt, alle Luft beim Sprechen vollständig zu verbrauchen, um dann mit einer spontanen, weit ausholenden Armbewegung von ganz oben die neue Atemluft gemeinsam mit dem Sprachimpuls zu ergreifen (3). So können mit einer verstärkten Ausatmung der Zustand der Müdigkeit und der Schwere losgelassen und der Organismus und seine Funktionen durch eine vertiefte Einatmung erfrischt werden. Luft bringt physische und seelische Erleichterung – ähnlich wie Gegenstände, die mit Luft gefüllt sind, an der Wasseroberfläche treiben. So fühlt sich auch der übende Mensch erleichtert, indem er über die Atmung Schwere überwinden und seinen Leib neu ergreifen lernt.

Rhythmus und Dynamik (4)

Später folgt die Arbeit an rhythmischen Texten, die erst geschritten und dann von entsprechenden Gesten des Zusammenziehens und Weitens begleitet werden. Die dem Atemprozess verwandten rhythmischen Elemente wirken zugleich lösend und belebend. Mit dem dynamischen Sprechen wird dieser Prozess gesteigert, indem die Sprache erst sehr langsam und ruhig, dann sukzessive immer schneller gestaltet wird. Dabei muss auf eine wendige, aber dennoch sehr genaue Artikulation von Laut und Silbe geachtet. Das ist mit jeder Übung möglich: mit einer Dichtung wie auch beim lauten Lesen eines alltäglichen Textes. Eine zunehmende Dynamik und schnelles Konsonantieren wirken anregend auf die Blutzirkulation und die Willenskräfte.
Gut geeignet sind alle Rhythmen, die mit einer Kürze beginnen, da sie den Einatmungsimpuls fördern und das Gefühl für das Ergreifen des Leibes stärken.

Die Zungenspitze als Muntermacher

Von großer Bedeutung bei Müdigkeit und Erschöpfung ist die Zungenspitze: sie artikuliert immer gegen die Schwerkraft, wenn sie die Laute am oberen vorderen Gaumen gestaltet. Deshalb ist bei der Diagnostik und im Therapieverlauf darauf zu achten, dass nicht der Unterkiefer die Zungenbewegungen ersetzt und die entsprechenden Laute nicht mit der Zungenbreite artikuliert werden. Die Zunge, die durch ihre Eigenschaften Bewegen und Schmecken sowohl ein Muskel als auch ein Sinnesorgan ist, kann als psychosomatisches Organ sehr differenziert grade bei CRF eingesetzt werden. Die Laute L N D T werden besonders aktiv von der Zungenspitze gestaltet (5).
Sie können allein oder auch in verschiedenen Übungen geübt werden – immer mit einem bewussten und freudigen Erheben der Zunge und punktueller und wendiger, aber deutlicher Aktivität.

Therapeutische Empfehlungen

  • Die Atemluft wird gut verbraucht, wenn der Laut F erst einmal, dann zwei- und dreimal kräftig mit leichtem Ausfallschritt und nach vorne stoßenden Armbewegungen auf eine Ausatmung so lange gesprochen wird, bis alle Luft verbraucht ist. 

  • Es kann sich folgende deklamatorische Atemübung anschließen, die von Händen und Armen begleitet von oben nach unten gesprochen wird, so dass die Worte mit fallender Stimme von Zeile zu Zeile immer tiefer hinabgeschickt werden und eine vertiefte Ausatmung angeregt wird. (Die Sprechübungen von Rudolf Steiner entsprechen sehr detailliert den sprachlichen und physiologischen Gesetzmäßigkeiten und haben keine inhaltliche Relevanz.)

    Erfüllung geht
    Durch Hoffnung
    Geht durch Sehnen
    Durch Wollen
    Wollen weht
    Im Webenden
    Weht im Bebenden
    Webt bebend
    Webend bindend
    Im Finden 
    Findend windend
    Kündend (5, S. 16)

    Helfen kann das Bild eines Wasserfalls, der aus immer größerer Höhe ins Tal stürzt und Laute, Stimme und Atem mitnimmt. Solches Sprechen hat jedes Mal eine Verstärkung der Einatmung zur Folge und belebt und erfrischt.

  • Kleine Sprüche und Gedichte unterstützen durch inhaltliche Bilder oder anregende Rhythmen den Prozess: 
    Wirf dein Schweres in die Tiefe! Mensch vergiss! Mensch, vergiss! Göttlich ist des Vergessens Kunst! Willst du fliegen, willst du in Höhen heimisch sein: Wirf dein Schwerstes in das Meer! Göttlich ist des Vergessens Kunst! (Friedrich Nietzsche)

    Uns beflügelt ein freudiger Mut, wir bezwingen der Erde Gewicht, wir entfachen im Finstern die Glut, wir entzünden im Dunkel das Licht! (Hedwig Diestel) 

  • Rhythmische Texte werden meistens von entsprechenden Gesten oder Schritten begleitet:
    Eng und weit, eng und weit, dass mein Herz sich befreit (Barbara Ziegler-Denjean)

    oder 

    Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
    Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
    Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
    So wunderbar ist das Leben gemischt.
    Du danke Gott, wenn er dich presst,
    Und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt. (Johann Wolfgang von Goethe)

    Das dynamische Sprechen kann vorbereitet werden durch das Bild einer Wasseroberfläche, auf welcher der Wind Wellen schlägt.

  • Man beginnt mit einem langen, langsam mit breiter Zunge gesprochenem L, dann folgen kontinuierliche Steigerungen mit wendiger Zunge und leichter Stimme: lalle, lallelalle, lallelallelalle lallelallelallelalle usw., bis der ganze Atem verbraucht ist.

  • Dann folgende Sprachübung, bei der die Zungenspitze regelrecht turnen und tanzen lernt. Das L hilft durch zahlreiche spielerische Wiederholungen, die Schwerkraft zu überwinden (6):

    Lalle Lieder lieblich 
    lipplicher Laffe 
    lappiger lumpiger laichiger Lurch (5, S. 21-22)

  • Die dynamische Wirkung wird weiter verstärkt, wenn die Hände den Rhythmus klatschen und dabei ebenfalls immer schneller werden:

    Wer berät
    langen Rat,
    kommt zu spät
    mit der Tat, ­
    wer geschwind
    sich besinnt
    und beginnt –
    der gewinnt! (Friedrich Rückert)

Wirksamkeit: Sofortige Wirkung, die einige Stunden anhält. Bei etwa 24 Therapie-Einheiten und regelmäßigem Üben (10–20 Minuten täglich) nachhaltige Verbesserung.

1 Denjean-von Stryk B, von Bonin D. Therapeutische Sprachgestaltung. Kap. 5.3: Der atmende Mensch. 2 Aufl. Stuttgart: Verlag Urachhaus; 2003.

2 Denjean-von Stryk B. Sprich, dass ich dich sehe. 2. Aufl. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben; 2010, S. 23.

3 Steiner R, Steiner-von Sivers M. Sprachgestaltung und dramatische Kunst. GA 282. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1981, S. 360-361.

4 Slezak-Schindler C. Vom Leben mit dem Wort. Fünf heilende Wirksamkeiten der Sprache und des Sprechens. Dornach: Verlag am Goetheanum; 1992.

5 Steiner R., Steiner-von Sivers M. Methodik und Wesen der Sprachgestaltung. GA 280. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1983.

6 Steiner R. Eurythmie als sichtbare Sprache. GA 279. 4. Aufl. Dornach: Rudolf Steiner Verlag; 1979, S. 69.