Pflege und äußere Anwendungen bei Unruhe palliativer Patienten

Anja Girke, Christine Kolbe-Alberdi, Katrin Klatt

Letzte Aktualisierung: 02.06.2023

Wir unterscheiden zwischen einer Unruhe der Gedanken, einer Gefühlsunruhe und der motorischen Unruhe. Meist wird vor allem die motorische Unruhe des Schwerstkranken von seinem Umkreis wahrgenommen, während ein irrlichterierendes Kreisen seiner Gedanken, ein Grübeln, ohne in der Erkenntnis voranzukommen oder eine Gefühlsunruhe schwerer zu bemerken sind und sich eher indirekt – z. B. in Schlaflosigkeit oder Verstimmtheit – ausdrücken. Gerade das Bewusstwerden, sich in der letzten Lebensphase und damit in der größten Schwellensituation zu befinden, kann bei den Betroffenen beim Einschlafen bzw. bei Dunkelheit zu einer Zunahme der Unruhe führen. Um als Pflegende die verdeckte Unruhe, ausgelöst durch Gedanken und Gefühle zu bemerken, bedarf es einer ausgeprägten Empathiefähigkeit. Die motorische Unruhe geht unter Umständen mit Sturzneigung – z. B. aus dem Bett oder vom Stuhl – einher. Sie kann auch dazu führen, dass der Schwerstkranke die Tendenz zeigt, von seinem Aufenthaltsort wegzulaufen. Manchmal ist es weniger ein Weglaufen als ein „Hinlaufen“ als Ausdruck einer unruhevollen Sehnsucht, endlich “nach Hause” zu kommen.

Ursachen von Unruhe

Besonders bei motorischer Unruhe muss beachtet werden, ob körperliche Probleme vorliegen wie beispielsweise Luftnot, Schmerzen, Harn- oder Stuhldrang oder Juckreiz. In diesen Situationen werden gezielt die körperlichen Ursachen der Unruhe behandelt. Darüber hinaus tritt Unruhe häufig in Schwellensituationen auf: So ist das Einschlafen für viele Schwerstkranke oft mit Unruhe verbunden, die häufig in Schlaflosigkeit, in Angst- bis Panikzustände mündet. Hier stellt sich gerade nachts ein großer Gesprächsbedarf ein. Und es leitet sich die meist schwer zu beantwortende Frage ab: Woher kommt die Unruhe? Der Schwerstkranke kann uns oftmals keine Antwort auf diese Frage geben. Als Pflegende obliegt es uns dann, Hinweise aus seinem bisherigen Leben oder durch den sozialen Umkreis zu erhalten. Was hatte der Mensch in seiner Biografie an Schwerem zu durchleben? Beschäftigt ihn (unbewusst) noch Unerledigtes?

Angst vor dem Sterben ist ein vielgestaltiges Phänomen. Es macht Angst, sich selbst in seiner Wesenheit anzusehen, einschließlich der Anteile unseres Ichs, die wir bisher im Alltag abgespalten haben, die unserem Doppelgänger, unserem seelischen Schatten angehören. Es macht Angst, vor einem absolut Unbekannten zu stehen, ohne jegliche Vorstellung, wie sich ein Nicht-mehr-Irdisch sein, keinen physischen Körper mehr zu besitzen, „anfühlen“ mag. Viele Patienten haben sich bisher weder in der Vorstellung mit Tod und Sterben auseinandergesetzt, noch in ihrem Leben die Gelegenheit gehabt, einem Sterbenden beizustehen oder einen Verstorbenen zu sehen. Die Frage, ob und wie es nach dem Tod weitergeht, stellen sich viele nicht.

Die in der palliativen Situation oftmals angewandte Sedierung zur Kontrolle der Unruhe bedeutet nicht, dass der Sterbende keine Angst mehr erleidet. Wird ihm dadurch eher die Möglichkeit genommen, aus einer alptraumartigen Erlebniswelt zu erwachen und neue Orientierung zu gewinnen? Als Pflegende müssen wir uns fragen: Entwickeln wir beim sedierten Patienten in gleicher Weise liebevolle und achtsame Begleitung, damit dieser die schwerste aller Lebenskrisen für sich bereichernd durchschreiten kann?

Pflegerische Haltung

Im Kontext von Unruhe kommt der pflegerischen Haltung eine große Bedeutung zu, insbesondere:

  • Authentisch sein, Ich-Präsenz zeigen.  
  • Selbstreflexion zu eigenen Ängsten, Ratlosigkeit und Unsicherheit.
  • Sicherheit beim Patienten und bei seinem sozialen Umfeld fördern.
  • Vertrauensbildend und ruhig kommunizieren.  
  • Kontinuität in der pflegerischen Betreuung.  
  • Eine fragende Haltung in der Begegnung: Was fehlt dir? Was brauchst du?
  • Glauben und Vertrauen an das höhere, geistige Wesen des Schwerstkranken.
  • Beratung der An- und Zugehörigen.
  • Sitzwachen
  • Nicht selbst in einen Strudel von Angst und Unruhe geraten bzw. ihn durch eigene Unruhe fördern.

Begleitung und Beratung der An- und Zugehörigen des Schwerstkranken   

Die An- und Zugehörigen sind vor ungewohnte und zum Teil existenzielle Herausforderungen gestellt. Denn meist geht es um den Abschied von einem geliebten Menschen und den Abschluss einer in dieser Weise niemals wiederkehrenden gemeinsamen Lebenszeit. Die Kostbarkeit des Augenblickes wird besonders wahrgenommen, ebenso das, was sich ggf. nicht entwickeln konnte oder unvollendet blieb. Oftmals ringen Angehörige mit diesen Fragen, die sich sowohl auf ihre Beziehungen untereinander wie auf ihre Beziehung zum Patienten auswirken können. Dazu kommen die praktischen Fragen, was alles zu regeln und zu vereinbaren ist.

  • Auch die An- und Zugehörigen können in einen Strudel von Angst und Unruhe geraten.
  • Zu vermeiden ist zu viel Besuch auf einmal bzw. zu langer Besuch beim Schwerstkranken,
  • ebenso zu viel äußere Unruhe (Bewegung, Stimmen) im Patientenzimmer.
  • Möglichst kein oder wenig Fernsehen und ein behutsamer Umgang mit Medien, damit ein Freiraum entstehen und Ruhe überhaupt einkehren kann.
  • Sitzwachen.

Pflegerische Anwendungen

Wickel und Auflagen

  • Aurum Lavandula comp. Salbe WELEDA Herzsalbenauflage zur Nacht, ggf. auch nach dem Mittagessen und nach Bedarf.
    Lavendel hat eine beruhigende und entspannende Wirksamkeit, das ätherische Rosenöl harmonisiert und das Gold stärkt die Ich-Kraft. Durchführung siehe https://www.pflege-vademecum.de/aurum-lavandula-herzauflage.php 
  • Arnika-Essenz WELEDA , thorakale Auflage als auch Pulswickel mit verdünnter Arnika-Essenz bei thorakalen Beschwerden.
  • Oxalis 20% Essenz; Oxalis Salbe WELEDA Bauchauflage oder Einreibung bei nächtlich aufsteigenden belastenden und unbewältigten Seeleninhalten. Auch bei Schockwirkungen. Hier führt Oxalis das vom Leib getrennte Seelisch-Geistige wieder in den Leib hinein. Oxalis hat eine krampflösende Wirkung und wird bei Unruhe infolge abdomineller Beschwerden eingesetzt, z. B. infolge einer Peritonealkarzinose.
  • Solarplexusauflage mit Kupfersalbe Rot oder Aurum/Lavandula comp. Creme 
    Unruhe kann abdominell empfunden werden. Manchmal beruhigt bereits die auf den Oberbauch (Solarplexus) gelegte Hand. Eine äußere Anwendung mit Oxalis Salbe WELEDA oder Oxalis-Öl WELEDA kann die beruhigende Wirksamkeit verstärken. Bei nervösen, unruhigen und angespannten Patienten kommt die durchwärmende, krampflösende, entspannende und beruhigende Kupfersalbenauflage mit Cuprum metallicum 0,4 % Salbe WELEDA oder Kupfersalbe rot WALA in Betracht; zum Zentrieren und Beruhigen Aurum/ Lavandula comp. Salbe WELEDA.

Rhythmische und sonstige Einreibungen

  • Cuprum metallicum 0,4 % Salbe WELEDA oder Kupfersalbe rot WALA Fußeinreibung.
    Kühle Akren als Ausdruck von seelischer Anspannung können durch die Kupferanwendung durchwärmt werden. Die Patientin oder der Patient fühlt sich seelisch entlastet und kann entspannen.
  • Pentagrammeinreibung, zentriert den Menschen und verstärkt die Ich-Wirksamkeit. Siehe auch https://www.pflege-vademecum.de/pentagrammeinreibung.php?highlight_words=pentagramm .
  • Lavandula Oleum äthericum 10% Fußeinreibung. Lavendel beruhigt, entspannt und erwärmt kühle Extremitäten.
  • Melissenöl WALA Einreibung als Ölwickel oder Baucheinreibung, wirkt krampflösend, blähungstreibend. Bei Unruhe mit krampfartigen, meteoristisch bedingten Beschwerden.  
  • Solum uliginosum comp. Öl WALA Einreibung. Solum gibt eine umhüllende Wärme und schirmt vor äußeren Einflüssen ab; bei unruhigen, seelisch zu offenen Patienten.
  • Pallasit-Salbe WELEDA Wadeneinreibung . Das Meteoreisen kann bei Unruhe und Angst Mut und Selbstwirksamkeit stärken.
  • Handeinreibung mit Aurum/Lavandula comp WELEDA oder Rosenöl WALA bei Bedarf z. B. bei motorischer Unruhe. Durch die zwischen Verdichtung und Lösung atmende Handeinreibung harmonisiert sich das Ein- und Ausatmen. Patienten werden ruhiger und schlafen manchmal ein.

Bäder und Waschungen

  • Klingende Waschung (1) bei entkräfteten und unruhigen Patienten. Die Strömung und das Geräusch des plätschernden Wassers wirken beruhigend und anregend.
  • Öldispersionsbad (1) mit Bürsten. Die mit unterschiedlichen Ölen durchgeführten Öldispersionsbäder wirken bei geeigneten Patienten beruhigend, kräftigend, die Eigenwärme anregend und ordnend.

Sonstige pflegerische Möglichkeiten

  • „Warme Berührung“: Es hat sich bewährt, den Rücken – z. B. das Steißbein oder die Schultern – zu berühren oder zu stützen („Ich halte dir den Rücken frei“) bzw. Fußabstriche durchzuführen. Oftmals ist es hilfreich, wenn sich der Erkrankte mit Unterstützung von ggf.  mehreren Pflegenden oder auch Angehörigen aufsetzt. Sich gewärmt und behütet zu fühlen, führt in die Ruhe.
  • Lässt der Schwerstkranke keine Berührung zu, ist häufig eine stille Anwesenheit hilfreich. Manchmal wirkt ein leise gesungenes Lied oder eine gesummte Melodie beruhigend. Wichtig ist, dass der Pflegende selbst Ruhe ausstrahlt.
  • Arnika Kopfhaube vor allem bei Patienten mit zerebralen Metastasen oder hirneigenen Tumoren. Durchführung siehe https://www.pflege-vademecum.de/arnika-kopfhaube.php?highlight_words=kopfhaube 

Pflegerische Möglichkeiten und Anwendungen zur Unterstützung des Rhythmus – Unruhe beim Einschlafen oder Aufwachen

Abends:

  • Eine Rhythmische Fußeinreibung mit Lavendelöl oder eine Aurum-Lavandula-Herzsalbenauflage zur Nacht beruhigen und ermöglichen den oftmals von Ängsten begleiteten Übergang vom Tag in die Nacht. Häufig findet der Patient schon während der Einreibung Ruhe und schläft ein. Die Herzsalbenauflage kann “am Herzen” getragen und – wie z. B. ein Kuscheltier – mit in die Nacht genommen werden.
  • Rituale: Einen Spruch, ein Gebet für die Nacht geben und bei entsprechendem Wunsch des Erkrankten mit ihm oder auch für ihn sprechen. Viele Patienten haben einen Wunsch nach spiritueller Hilfestellung, den sie kaum artikulieren und der daher häufig nicht bemerkt wird. Einige Patienten kennen für sie wertvolle und tragende Sprüche. Anregungen finden sich beispielsweise in den Wahrspruchworten (2) von Rudolf Steiner.
  • Salzkristalllampen sind eine warme, Sicherheit gebende Lichtquelle auch in der Nacht. Manchmal kann die leicht geöffnete Zimmertür die Unruhe mindern. Der Patient spürt, dass er nicht allein ist. Wie in der Kindheit auch, so haben die alltäglichen Geräusche keine störende, sondern eher eine beruhigende Wirkung.

Morgens:

  • Um nach dem Erwachen wieder gut in den Tag zu kommen, hat sich ein durchwärmendes, die Ich-Wirksamkeit stärkendes Rosmarin-Fußbad mit Rosmarin Bademilch WELEDA oder ein Zitronen-Fußbad bzw. eine Fußwaschung mit Citrus Oleum aethereum 10 % WALA bewährt.

Durch die pflegerische Praxis und Beobachtung ihrer Wirksamkeit wächst die Erfahrung für eine individualisierte, zum Patienten passende Anwendung der pflegerischen Maßnahmen.

Literaturverzeichnis

  1. Bezuijen T. Berührt werden durch Äußere Anwendungen: Ihre Wohltat und Wirkung in der onkologischen und palliativen Pflege. Verlag Reith/Hendriks & Partners; 2015.
  2. Steiner R. Wahrspruchworte. GA 40. Basel: Rudolf Steiner Verlag; 2019.

Literaturempfehlungen

Batschko EM. Einführung in die Rhythmischen Einreibungen. Frankfurt a. M.: Mayer im Info3 Verlag; 2010.

Fingado M. Therapeutische Wickel und Kompressen. Dornach: Verlag am Goetheanum; 2012.

Girke, M. Innere Medizin. Grundlagen und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin. Kap. XXXII Palliativmedizin. Berlin: Salumed Verlag 2020.

Heine R (Hrsg.) Anthroposophische Pflegepraxis. Grundlagen und Anregungen für alltägliches Handeln. Berlin: Salumed Verlag; 2017.

Vademecum Äußere Anwendungen in der Anthroposophischen Pflege: https://www.pflege-vademecum.de/.

Neues aus der Forschung

Misteltherapie in Ergänzung zur Standard-Immunbehandlung bei Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs weist auf verbesserte Überlebensrate hin
Die Immuntherapie mit PD-1/PD-L1-Inhibitoren hat die Überlebensraten von Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) erheblich verbessert. Die Ergebnisse einer Studie mit realen Daten (RWD), in der die zusätzliche Gabe von Viscum album L. (VA) zur Chemotherapie untersucht wurde, haben einen Zusammenhang mit dem verbesserten Überleben von Patienten mit NSCLC gezeigt - und zwar unabhängig von Alter, Metastasierungsgrad, Leistungsstatus, Lebensstil oder onkologischer Behandlung. Zu den Mechanismen gehören möglicherweise synergistische Modulationen der Immunantwort durch PD-1/PD-L1-Inhibitoren und VA. Diese Ergebnisse weisen auf die klinische Bedeutung einer zusätzlichen VA-Therapie hin; sie besitzen jedoch naturgemäss Limitationen, da es sich um eine nicht-randomisierte Beobachtungsstudie handelt. Die Studie ist in Cancers frei zugänglich publiziert: 
https://doi.org/10.3390/cancers16081609.

 

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